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Der "Österreichische Turnerbund" - Die Jünger Jahns

Einleitung

Vom 8. bis 14. Juli 1996 fand in Krems in Niederösterreich das Bundesturnfest des "Österreichischen Turnerbundes" (ÖTB) statt. Der ÖTB hat ca. 70.000 Mitglieder und ist aufgrund seiner organisatorischen Verankerung in ganz Österreich und seines hohen Ansehens die dort wohl wichtigste völkische und rechtsoffene Organisation mit "patriotisch-vaterländischer" Ideologie. Er erhält von der österreichischen Regierung finanzielle Unterstützung, die nach Berechnungen der Grünen allein 1994 in die zweistellige Millionenhöhe (ÖS) gingen. Grund genug einmal genauer hinzusehen.

Jahn Turner Denkmal
(Bild: Stefan.lefnaer - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, wikimedia.org)

Deutschnationales Turnerdenkmal am Semmelberg bei Ernstbrunn mit einem angeblichen »4 F«-Zeichen-Sonnenrad

Die Geschichte des "Österreichischer Turnerbund" (ÖTB) reicht zurück bis ins letzte Jahrhundert. Auch wenn die Organisation zwischenzeitlich "Deutscher Turnverein 1919" oder "Deutscher Turnerbund" hieß kann kein Zweifel an der Kontinuität bestehen.

Ideologisch beruft sich der ÖTB weitestgehend auf Friedrich Ludwig Jahn, der Anfang des 19. Jahrhunderts lebte. Jahns Ausspruch »Frisch, fromm fröhlich, frei« kennen wohl die meisten. Weniger bekannt sind da Zitate wie »Polen, Franzosen, Pfaffen, Junker und Juden sind Deutschlands Unglück«, oder »Mischlinge von Tieren haben keine echte Fortpflanzungskraft, und ebensowenig Blendlingsvölker ein eigenes volkstümliches Fortleben ... wer die Edelvölker der Erde in eine einzige Herde zu bringen trachtet, ist in Gefahr bald über den verächtlichsten Kehricht des Menschengeschlechts zu herrschen ...«. Welche Ideologie der »Turnvater« vertrat kann mensch auch im "Handbuch des Österreichischen Rechtsextremismus" nachlesen, hier nur Auszüge daraus: 

- "(...) Jahn ist einer der Vordenker von Rassismus und 'Rassenhygiene' und entwirft (...) ein Bild der (sozialen) Volksgemeinschaft, der man von Geburt aus angehöre und der man sich nicht entziehen könne. Jahn sagt für sie müsse jeder leben, »er sei reich oder arm, vornehm oder gering, einfältig oder gelehrt, Mann oder Weib, Jüngling oder Jungfrau, Kind oder Greis«.

- "Jahns Schriften dienten dem nationalsozialistischen Frauenbild als Vorlage. »Die Frau sollte in jeder Beziehung dem Mann untergeordnet sein, (...) dürfe selbst keiner Arbeit, auch keiner sozialpflegerischen, nachgehen und müsse sich ausnahmslos auf die Haushaltspflichten konzentrieren.«"

- "Die Ausländerfeindlichkeit Jahns drückt sich unter anderem in der Fixiertheit auf die Muttersprache aus. »Nur die eine Muttersprache sollen die Kinder lernen. Jahn: »Wer seinen Kindern die französische Sprachen lehren läßt ist ein Irrender, wer darin beharrt sündigt gegen den heiligen Geist. Wenn er aber seinen Töchtern französisch lehren läßt, ist das ebenso gut als wenn er ihnen Hurerei lehren läßt.« (...) Zur Schulung der Muttersprache sei die Lektüre vaterländischer Bücher notwendig. Nicht jedes Werk jedoch verbreite aufrechten Patriotismus. Diese Bücher müsse man bekämpfen. (...).«          

Die Leitsätze des Vereins von 1996 betonen unter anderem: "(...)die Pflege der Kameradschaft, die Bildung der Mitglieder zu heimat-, volks- und staatsbewussten Menschen, und die Bekenntnis zum angestammten Volkstum die Voraussetzung für die Bewahrung der Vielfalt der Volksgruppen in Österreich. Er tritt für die Erhaltung, Pflege und Förderung des deutschen Volkstums und des überlieferten, heimischen Brauchtums ein." 

Wie sehr der ÖTB an die Ideologie Jahns anknüpft zeigt sich zum Beispiel am Redewettbewerb des Turnerbundes, der zur sogenannten »Erziehungsarbeit« gehört. Stefan Birek, ÖTB-Schriftwart, schreibt über die »Kraft der Muttersprache« in der "Bundesturnzeitung" (BTZ)1: »In deutschen Landen wird die Überlagerung der Muttersprache eher teilnahmslos hingenommen. Bestrebungen des Gegensteuerns oder gar gesetzliche Maßnahmen gegen eine Überlagerung gibt es nicht. Hier ist es umso wichtiger, daß gerade der Turnerbund sich seine geistigen Grundlagen bei F. L. Jahn immer wieder bewußt macht.« Weiter heißt es in dieser Ausgabe der BTZ: »Neben der eigenen Überzeugung von dem, was man zur Sprache bringen will, ist ein reichlicher Wortschatz die beste Voraussetzung für eine ansprechende Leistung.« Außerdem: »Einwandfreies Auftreten, guter Aufbau und entsprechende Gliederung der Rede, das Vermeiden unnötiger Fremdwörter, (...)«. Natürlich dürfen »Themen und Aussagen der Reden nicht im Widerspruch zu den Gesetzen der Republik Österreich sowie den Satzungen und Zielen des ÖTB stehen.« Der wohl prominenteste Sieger dieses Wettbewerbs ist bezeichnenderweise der österreichische Rechtsaußen und Chef der "Freiheitliche Partei Österreichs" (FPÖ) Jörg Haider. 

Wie mensch daran sieht beziehen sich die meisten ÖTB'ler auch verbal voll auf Jahn. Wenige Jahre nach der (Wieder)Gründung des ÖTB 1952 hieß das so: »Damit haben wir eine geistige Brücke geschlagen zur traditionsreichen turnerischen Vergangenheit, bis zurück zu Friedrich Ludwig Jahn. Wir haben tief innerlich erfahren, wie letzlich jedes turnerische Schaffen auf Volk und Vaterland ausgerichtet sein muß (...)« und 1962 »Dieses Zurück zu Jahn bedeutet für uns die Rückkehr zu den ewig gültigen Grundsätzen der Lehren des Begründers der Turnkunst und des Volkstums.«

Auch die Symbolik des ÖTB erinnert an faschistische Traditionen. Denkmäler, Turnhallen und, zumindest bis 1992, auch die Bundesturnschule in Ried im Innkreis werden von einem sonnenradförmigen (hakenkreuz-ähnlichen) »4 F«-Zeichen geziert. Dieses Zeichen irritierte sogar schon die österreichischen Behörden. So stellte die Sicherheitsdirektion für Wien am 9. Juni 1986 fest: »Gemäß §1 Abs. l des Abzeichengesetzes dürfen Abzeichen (Symbole, Kennzeichen ) einer in Österreich verbotenen Organisation öffentlich weder getragen noch zur Schau gestellt, dargestellt oder verbreitet werden. Dieses Verbot des Abs. l erstreckt sich gemäß Abs. 2 auch auf Abzeichen, die auf Grund ihrer Ähnlichkeit oder ihrer offenkundigen Zweckbestimmung als Ersatz eines der im Abs. l erwähnten Abzeichen gebraucht werden.« Daß es also Parallelen zwischen den Symbolen des ÖTB und denen der Nazis gibt ist offenkundig. Der ÖTB selbst sieht des natürlich anders und wendet sich seinerseits ans Innenministerium (19. März 1996): »In einer ausführlichen Stellungnahme wurde durch die ÖTB-Delegation dargestellt, warum formaljuristisch, historisch und ideell auf die Darstellung des Turnerwahlspruches ("frisch, fromm, fröhlich, frei") in "Sonnenradform" das Abzeichengesetz 1960 nicht anzuwenden sei. Dabei unterstrich Bundesobmann Günter Atzmanninger, dass das "4 F-Symbol" für eine Lebensauffassung steht, die einen unbestritten hohen ethischen Stellenwert einnimmt.« ("Bundesturnzeitung" 4/1996 ). Offiziell verwendet der ÖTB seit 1952 eine neue, entschärfte Form dieses Symbols, doch werden an anderen Stellen alte wiederhergestellt, restauriert und neu montiert. So zum Beispiel in Tulln in Niederösterreich, wo auf Anweisung des »Turnbruders« Dr. Rieger der »Turnbruder« Klemisch das alte, sonnenradförmige Zeichen mit der Aufschrift Deutscher Turnerbund 1919 aus Kupfer neu schuf und an ein Denkmal montieren ließ.

Was war los in Krems?

Vom 8. bis 14. Juli 1996 fand nun das 9. Bundesturnfest des ÖTB statt. Einer der Höhepunkte war sicherlich die »Jahnehrung und das Totengedenken am Friedrich-Ludwig-Jahn-Denkmal« am 10. Juli. Unter den ca. 200 Teilnehmern waren die gesamte Führungsmannschaft des ÖTB, VertreterInnen der einzelnen »Turngaue« und »viele schmissige Burschenschaftler« (»Der Standard« vom 12.7.96). Der "Wiener Akademischer Turnverein" (WATV) stand stramm mit gezogenen Säbeln und schwarz rot goldenen Fahnen, als jener »Helden« gedacht wurde, die vor 50 Jahren »nicht auf Seiten der Sieger standen«.

In einer Nacht zog eine an ihrer Kleidung als "TurnerInnen" erkennbare Gruppe von ca. 15 Personen grölend durch die Straßen von Krems. Die anfangs anti-österreichischen Parolen schlugen schnell in »Deutschland, Deutschland«- Rufe um. Am 11. Juli 1996 veranstaltete der ÖTB um 22.00 Uhr einen »Großen österreichischen Zapfenstreich« am Kremser Pfarrplatz, wo AntifaschistInnen versuchten auf die ultra-rechten Umtriebe des ÖTB hinzuweisen. Dabei wurden sie von der Polizei mit Fußtritten und unter Einsatz von Hunden zum Schweigen gebracht. Die jugendlichen Neonazis, die direkt daneben den rechten Arm streckten und »Sieg Heil« grölten wurden allerdings nicht behelligt; auch nicht als sie später am Abend, »Ausländer raus« - und wiederum »Sieg Heil«- rufend durch die Stadt liefen.

Deutschtümelei konnte auch beim Höhepunkt der Woche, dem Aufmarsch durch die Kremser Innenstadt beobachtet werden. Unter den mehr als zehntausend TurnerInnen waren auch viele aus der BRD. Die schwarz rot gelben Fahnen wurden jedoch sehr oft auch von Vereinen aus der Alpenrepublik getragen. Das vom ÖTB so oft wiederholte Bekenntnis zur Republik Österreich konnte anhand der Fahnen nicht erkannt werden. 

Alles in allem war das »Bundesturnfest« für den ÖTB wohl erfolgreich gewesen. Die anwesenden AntifaschistInnen waren viel zu wenige, als dass das ÖTB-Spektakel gestört oder behindert hätte werden können. Immerhin waren bei den Aktionstagen unter dem Motto »Lebenslust statt Rassenreinheit« und der Demonstration gegen das "Bundesturnfest" mehrere hundert Menschen anwesend, die Öffentlichkeit hergestellt haben und versuchten in Diskussions- und Informationsveranstaltungen den ÖTB ins rechte Bild zu rücken.

(Quellen: TATblatt Nummern plus 60/61, plus 62 und plus 83; Handbuch des Österreichischen Rechtsextremismus, DÖW)

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    BTZ Ausgabe 8/9 1994