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Italien: Zum Regionalismus der "Lega Nord"

Umberto Bossi Lega Nord
(Bild: Unknown author via "Maxperot"; it.wikipedia; Gemeinfrei)

Umberto Bossi 1990 auf einer Demonstration in Pontida.

Als sich die "Lega Nord" Ende der achtziger Jahre von einem Grüpplein ethno-regionalistischer »BrauchtumpflegerInnen« zu einem immer größer werdenden Sammelbecken unzufriedener Bürgerinnen entwickelt hatte, tauchten in Norditalien überall ihre Slogans auf: »Roma ladrona: la Lega non perdona« (in etwa: »Diebisches Rom: Die Lega verzeiht nicht«) oder »La Lega ce l' haduro« ( in etwa »Die Lega hat einen harten Schwanz«).

Die Brutalität und Obszönität der Sprache von Partei-Chef Umberto Bossi wurde mit Unterstützung seiner führenden Partei-Funktionäre (u.a. Francesco Formenti, Roberto Ronchi, Roberto Maroni, Marilena Marin, Franco Rocchetta, Stefano Stefani, Alessandro Patelli und Maurizio Balocchi) als »ehrliche« und »offene« Sprache dargestellt und interpretiert, Bossi war der, »der endlich sagte, was einmal gesagt werden musste«. Die Stärke und die Schwäche der "Lega Nord" liegen in ihrer Zielgruppe, den norditalienischen Unzufriedenen, wobei die Grenze zwischen Norden und Süden eher fließend war, bis nun der Po zur Grenzlinie zwischen »Padanien« und dem Rest Italiens erklärt wurde.

Doch die »geographische« Grenze des Lega-Einflusses wurde eigentlich schon mit den Wahlen 1994 gezogen, als sich zeigte, dass das Einflussgebiet der Lega auf die Regionen nördlich vom Po beschränkt bleiben dürfte. Mit ihrer jetzigen politischen Ausrichtung dürfte die Lega kaum zu einer führenden Partei werden, die sich über ganz Italien erstrecken kann. 

Die Erfindung einer von den Alpen und vom Po begrenzten Region »Padanien«, die weder ein historisches noch ein kulturelles Fundament hat, ist vor allem ein Bluff, der den effektiven Einflussbereich der Lega größer darstellen soll, als er tatsächlich ist. 

In der »Bustina di Minerva«1 vom 25. September 1996 macht sich Umberto Eco über das vorgesehene »padanische« Schulsystem lustig, das als Unterrichtssprache den lokalen Dialekt und als Fremdsprache Englisch vorsieht. Er weist darauf hin, dass keine Sprache aufgezwungen werden kann (vor allem jetzt, da die Massenmedien eine der wichtigsten Sprachsozialisierungsinstanzen darstellen) und dass z. B. bergamsakische Übersetzungen der »Odysse« ,der »Kritik der reinen Vernunft« oder von Mathematiklehrbüchern mehr als grotesk wären.

Dass es sich bei dem »padanischen Regionalismus« nicht um das Bedürfnis nach autonomistischen Föderalismus, sondern einzig um die Mobilisierung regionalistischer Emotionen handelt, darauf weist auch der Ex-Partisan und Publizist Giorgio Bocca hin: In seiner Kolumne »l'Antiitaliano«1 vom 29. Oktober 1996 zeigt er sehr gut auf, dass sich die Lega im Grunde kein bisschen um »ihre« Region kümmert, dass sie die ökologischen und geographischen Gegebenheiten »Padaniens« nicht kennen und keines der schon lange anstehenden Projekte, wie die Verschmutzung des Po und der Adria zu beheben, Mailand mit dem Po zu verbinden, den Eisenbahn- und Autoverkehr zu organisieren,... auch nur diskutiert hätten.

Die peinliche »Massendemonstration«, die im September 1996 von der Lega organisiert wurde zeigt, dass die aktive Basis dieser »Bürgerinnenbewegung« nicht halb so groß ist, wie behauptet wurde. 

Die Gefahr der Lega besteht vielmehr darin, dass sie genügend Abgeordnete hat, um für eine Parlamentsmehrheit ausschlaggebend zu sein. Darum verhandelt sie aus einer eher starken Position heraus. Doch sie beschränkt sich zu sehr auf die Ängste des industrialisierten Nordens, wo dank billigen Arbeitskräften aus dem landwirtschaftlichen Süden viele UnternehmerInnen große Profite erwirtschaftet haben. Mit der Wirtschaftskrise wurde dieser Wohlstand bedroht, und Bossi wusste dieser Angst, die sich in diffuse Aggression umwandelte, zwei Hauptfeindbilder zu geben: die SüditalienerInnen und die Bürokratie.

Das Feindbild »SüditalienerInnen« dient der legistischen Identitätsstiftung, da sich der nord-ilienische Regionalismus durch die Negation dieses Feindbildes definiert: SüditalienerInnen sind arbeitsscheu und lassen sich von den Steuergeldern des Nordens aushalten, also sind NorditalienerInnen arbeitsam und vom Süden ausgebeutet.

 Luigi Moretti, Lega-Europaabgeordneter hat das 1989 so formuliert: »Rassisten, wir? Das ist doch lächerlich. Wir Lombarden sind ein unterdrücktes Volk (...) Rassisten sind sie, die Mafiosi, die die römischen Parteien lenken. Die, die auf dem Rücken der arbeitenden Leute des Nordens leben; die, die reden statt zu arbeiten und sich unseren Brüdern nur dann erklären, wenn es zu Tisch geht. Niemals, dass sie sich morgens um sechs daran erinnerten, wenn wir Lombarden aufstehen, um arbeiten zu gehen.«2

Die ganze »Ausbeutung« des Nordens wird gemäß "Lega Nord" durch die von den Parteien verwaltete und von der Mafia gelenkte Bürokratie ermöglicht. Und da die Lega als junge Partei (noch) nicht (öffentlich) in Korruptionsskandale verwickelt sein konnte war es ihr auch möglich, sich als einzige Alternative im 1992 entstandenen Debakel zu präsentieren. Gerade in der Zeit als sämtliche Parteien ihr Gesicht verloren hatten und die zwei Mächtigsten, die während der gesamten ersten Republik am Ruder waren, die "Democrazia Cristiana" (Christdemokraten) und die PSI (Sozialistische Partei Italiens) aufgelöst wurden, betonte die Lega keine eigentliche Partei zu sein. 

Die "Lega Nord" stellt sich als eine Art BürgerInnenrechtsbewegung dar (die aber in extrem hierarchischer und undemokratischer Weise organisiert ist), die für die Rechte der«ausgebeuteten« NorditalienerInnen kämpft. 

Interessant ist, dass die Lega eine fast identische WählerInnenverteilung hat, wie die korrupte Partei par exellence: die alte "Democrazia Cristiana" (DC). Sie lebt also von den Stimmen der antikommunistischen, katholischen Bourgeoisie. Das »Programm« der Lega spiegelt die klassischen Werte der reaktionären KatholikInnen wider, ist also zu einem Ersatz für die DC geworden, in einer Zeit in der die Kirche als Struktur nicht mehr in der Lage war die Ängste und Orientierungslosigkeit ihrer AnhängerInnen zu bekämpfen. Der Lega-Abgeordneter Domenico Comino erklärte: »Wir haben zwar mit der Kirche gestritten, aber der heilige Vater ist mit uns«.1

Und genau wie die Kirche bietet die Lega eine kräftige Portion Mythos um sich und ihre widersprüchlichen und unklaren Positionen zu legitimieren. Es sind natürlich die armen Kelten, die ein weiteres Mal für die Legitimation absurder Ideen herhalten müssen. So fordert der Verantwortliche für die »Jung-Lega«, Massimiliano Romeo, den Unterricht keltischer Musik an den »padanischen« Schulen, und Gilberto Oneto, Minister der ersten legistischen »Gegenregierung«, behauptet, dass die »padanischen Ahnen« in einer goldenen Zeit gelebt haben sollen, bevor die Römer über die Apenninen gekommen sind, während der Europaabgeordnete Farasino sich als Nachkomme Barbarossas zu beweisen versucht ...1 

Die Gefahr, die von diesen selbst ernannten Ahnen von Asterix & Obelix ausgeht besteht in der wichtigen Rolle, die sie trotz ihrer stimmenmäßigen und geographischen Beschränktheit haben, sie brachten damals Silvio Berlusconi und die Neo-FaschistInnen an die Macht und sie haben mit der Ausrufung der »Republik Padanien« sämtlichen nationalistischen Kräften Auftrieb gegeben.

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    »L'Espresso«, 26.9.96

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    M. Braun, »Italiens politische Zukunft«, Frankfurt a. M., Fischer, 1994