Stade: Geförderter Revanchismus der "KG Goldap"
VVN-BdA StadeWeniger auf der »großen« politischen Bühne, als vor Ort in den sog. »Heimatkreisen« finden sich die konkreten Ansätze der Revanchisten, die auf eine Regermanisierung des Ostens zielen. In ihrem Bestreben scheuen manche Revanchisten die Nähe zu Projekten von ultra-rechten und völkischen Akteuren nicht.
Ostpreußen-Zeitschriften oder "Gedenkstatue des Elchs von Goldap" - Revanchismus nimmt in Stade viel öffentlichen Raum ein.
Revanchismus im "Heimatkreis"
»Die Kreisgemeinschaften sind unsere starke Basis für die Arbeit in der Heimat. Mit ihnen verfügt die LMO1 über ein einzigartiges Instrument«. (Wilhelm von Gottberg, Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen e.V.)
Weniger auf der »großen« politischen Bühne, als vor Ort, in den sog. »Heimatkreisen« finden sich die konkreten Ansätze der Revanchisten, die auf eine "Regermanisierung des Ostens" zielen. In ihrem Bestreben scheuen manche Revanchisten eine punktuelle Nähe mit ultra-rechten und völkischen Netzwerken nicht, teilen sie doch mit ihnen ein gleiche Ziel: Die Ergebnisse der beiden von Deutschland ausgegangenen Weltkriege zu revidieren.
In ihrer Arbeit wird den Kreisvertreter von der "Landsmannschaft Ostpreußen e.V." (LMO) der Rücken gestärkt. So wurde der in die öffentliche Kritik geratene Vertreter der Kreisgemeinschaft Stephan Grigat demonstrativ in den Vorstand der LMO gewählt.
Im Folgenden dokumentieren wir die Arbeit der "VVN-BdA Stade" gegen den "Heimatkreis der Goldaper", gegenüber dem der Kreis Stade eine Patenschaft übernommen hat.
"Heimatkreis der Goldaper"
»Die Hinwendung zu Deutschland wird kommen. (...) Ostpreußen wird zum Brückenland und Deutsche sollten dort arbeiten im Entwicklungsdienst, ohne Tropentauglichkeit. Ein neues Preußen wird entstehen, der Eckpfeiler Europas«. (Dr. Stribrny auf dem Heimattag des Goldaper Heimatkreises 1994)
Jedes Jahr Ende August finden in Stade an der Niederelbe die »Heimattage« der "Kreisgemeinschaft Goldap/Ostpreußen e.V." (KG Goldap) mit ca. 500 bis 600 BesucherInnen statt. Die "KG Goldap" ist korporatives Mitglied der "Landsmannschaft Ostpreussen" (LMO) und nimmt für sich in Anspruch, heutiger Vertreter des ehemaligen Kreises Goldap zu sein. Die "KG Goldap" hat sich lt. Satzung entsprechende Organe gegeben, wie z.B. »Kreistag« und »Kreisausschuß« und der »Kreisvertreter« ist »Repräsentant des Kreises Goldap und der Kreisgemeinschaft«. Die Mitglieder der KG Goldap (2700 Einzelpersonen und Familien) erhalten sechsmal jährlich die Zeitschrift »Heimatbrücke«. Die Kreisgemeinschaft ist lt. Satzung »der Zusammenschluß der geflüchteten, vertriebenen und ausgesiedelten deutschen Bürger des Kreises Goldap in Ostpreußen«. Mitglied können auch deren Nachkommen werden.
Das Gebiet des ehemaligen Kreises Goldap gehört heute im größeren Teil, mit der Stadt Goldap, zur Republik Polen, ein kleinerer Teil ist heute Teil der russischen Republik. Im Jahre 1952 übernahm der Landkreis Stade eine Patenschaft über den ehemaligen Kreis Goldap. In der Patenschaftsurkunde ist vermerkt: »Damit bekundet der Patenkreis Stade feierlich den ganz besonderen Willen, das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den Heimatvertriebenen und der angestammtem Bevölkerung des deutschen Ostens, insbesondere des Kreises Goldap zu pflegen und das Bewußtsein der Bedeutung des deutschen Ostens für das ganze deutsche Volk stets wachzuhalten«.
Seit Anfang der sechziger Jahre besteht eine weitere Patenschaft zwischen der Stadt Stade und der ehemaligen Stadt Goldap/Ostpreußen und auch Stader Schulen wurden in entsprechende Patenschaften mit ehemaligen Schulen in Goldap einbezogen.
Die "KG Goldap" wird jährlich mit Finanzmitteln aus dem Kreis- und Stadtetat bedacht (Haushaltsansätze 1996: 2500,— DM bei der Stadt Stade und 5000,— DM beim Landkreis Stade) und bei ihren jährlichen Treffen kann sie auf organisatorische Hilfe von Stadt und Landkreis bauen. Eine Gedenkstätte für den Kreis Goldap in Stade wurde im Jahr 1987 mit insgesamt 230.000,— DM bezuschusst (je 50.000,— DM von Stadt und Landkreis Stade und 130.000,— DM von der Sparkassenstiftung), außerdem existiert in Stade das "Patenschaftsmuseum Goldap in Ostpreußen".
Die Patenschaft vom Landkreis Stade zur "KG Goldap" ist eng mit der Person von Karl von Buchka verbunden. Buchka war bis 1932 Landrat im ehemaligen Kreis Kehdingen (heute Teil des Kreises Stade) und hatte diese Position dann ab 1932 im Kreis Goldap. Nach seiner Flucht aus Ostpreußen siedelte er sich erneut im Landkreis Stade an. Er wurde Mitglied der CDU und deren Bezirksvorsitzender, wurde in den Kreistag Stade gewählt und stellv. Landrat. Von 1953 bis 1957 gehörte er den Bundestag an. Seine vorherige Mitgliedschaft in der NSDAP (Mitgliedsnummer 16838549) und seine Parteitätigkeit als Obertruppführer beim Stab der "SA-Standarte 44" wird bis heute in allen biographischen Vorstellungen über ihn verschwiegen. Der 1960 verstorbene von Buchka wird heute noch als Ehrenmitglied der "KG Goldap" geführt.
Die »Heimattreffen« der KG Goldap fanden erst nach Übernahme einer Patenschaft mit der Stadt Stade 1964 regelmäßig in Stade statt. Im selben Jahr wurde im Park der Stader Wallanlagen ein Gedenkstein aufgestellt mit der Inschrift »Gedenke der verlorenen Heimat Goldap. Stadt und Kreis in Ostpreußen«.
Ein Jahr später wandte sich der seinerzeitige Kreisverteter Dr. Toffert an die Stadt Stade, weil er inzwischen mit der - von ihm selbst vorgeschlagenen - Inschrift nicht mehr einverstanden war. Das »Ostpreußenblatt« hatte es abgelehnt, den Stader Gedenkstein abzudrucken. Die Inschrift entsprach nicht dem Verständnis der LMO, da damit der Anspuch auf die »Heimat« aufgegeben werde. Es sollte nun statt »der verlorenen Heimat« heißen: »der entrissenen Heimat«. Der Stader Rat lehnte den Antrag jedoch im Januar 1966 ab.
Die "KG Goldap" hat seit den achtziger Jahren eine systematische Arbeit in der Republik Polen aufgebaut. Schwerpunktmäßig geht es dabei um den Erhalt deutscher Baudenkmäler und um eine Unterstützung der deutschen Vereine. Der Goldaper Kreisvertreter Grigat rühmt sich regelmäßig damit, wie vielen Personen er in Polen zu einem deutschen Pass und damit zu einer doppelten Staatsbürgerschaft verholfen hat.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion setzte auch eine umfangreiche Tätigkeit in den heute zu Russland gehörenden ehemaligen Kreisgebiet Goldap ein. Es werden hier zielgerichtet Russlanddeutsche unterstützt, die sich in den letzten Jahren dort niedergelassen haben. In der »Heimatbrücke« wurde auch offen für die Unterstützung von Projekten deutscher rechter Revanchisten geworben, die inzwischen dort vor Ort tätig geworden sind.
Auf dem »Heimattag« 1993 in Stade lobte der Vorsitzende der LMO von Gottberg ausdrücklich die Verdienste der "KG Goldap" bei der Ansiedlung von Russlanddeutschen und auf dem »Heimattag« 1994 führte lt. »Stader Tageblatt« der Redner Dr. Wolfgang Thüne (LMO) folgendes aus: »Wir Vertriebenen fordern nichts anderes als Artenschutz«. Und zum Artenschutz gehöre der Schutz des Lebensraumes, also auch die Rückkehr in die Heimat«.
Die offen revanchistischen Töne auf den letzten »Heimattreffen« führten dazu, dass wir, die Kreisvereinigung Stade der VVN-BdA, uns intensiv mit der "KG Goldap" und der LMO beschäftigten. Wir werteten mehrere Jahrgänge der »Heimatbrücke« aus, lasen regelmäßig das »Ostpreußenblatt « und besorgten uns die Publikationen der in der Oblast Kaliningrad (Russland) operierenden deutschen rechten bis neofaschistischen Gruppierungen.
Im Januar 1995 führten wir eine erste Veranstaltung (»Die Jagd nach dem Bernstein«) durch. Im Vorfeld der Heimattage 1995, als Festredner war der CDU-Politiker Dr. Alfred Dregger angekündigt, erschien eine erste umfangreiche Pressemitteilung von uns, der eine sechsseitige Dokumentation (»Die Rolle der Kreisgemeinschaft Goldap im Zusammenhang mit der 'Regermanisierung' der Region Kaliningrad«) folgte. In der Dokumentation wiesen wir auf die Tätigkeit von ultra-rechten Netzwerken in der Oblast Kaliningrad hin und zeigten auf, wie eng die Tätigkeit der "KG Goldap" dort mit ihnen verknüpft ist.
In der »Heimatbrücke« wurde z.B. auf die Arbeit von Hans-Dietrich Otto hingewiesen. Diesen bezeichnete allerdings auch die völkisch-revanchistische "Arbeitsgemeinschaft Nord Ostpreußen" (AGNO) als »Unser Mann in Trakehnen: Hans-Dietrich Otto«. Auch andere Akteure aus (ultra)-rechten Kreisen fanden unkritische bis löbliche Erwähnung. Die Hilfslieferungen der "KG Goldap" in die Oblast Kaliningrad wurden laut unserer Recherchen z.T. auch von Personen verteilt, die auch in Kontakt zum Netzwerk des bekannten Neonazi-Terroristen Manfred Roeder ("Deutsch-Russischen Gemeinschaftswerks - Förderverein Nord-Ostpreußen") oder zu Projekten des extrem rechten Verlegers Dietmar Munier ("Aktion Deutsches Königsberg", "Schulverein zur Förderung der Rußlanddeutschen in Ostpreußen e.V.", "Deutsche Schule Trakehnen", "Gesellschaft für Siedlungsförderung in Trakehnen GmbH", "Russlanddeutscher Kulturverein Trakehnen") standen.
Viele Aussagen des »Kreisvertreters« Grigat (Jahrgang 1962), Mitglied der CDU und CDU-Ratsherr in Detmold, belegten weiterhin die offen revanchistischen Ansprüche der "KG Goldap". Die Großeltern von Grigat haben übrigens schon 1927 (!) Goldap verlassen, und seit dem ist seine Familie in Detmold ansässig. Doch mit der Wahl des damals 25jährigen Stephan Grigat in den Beirat der "KG Goldap" setzte 1989 eine Verjüngung im Funktionärskörper ein. Eine weitere Verjüngung des fünf-köpfigen Goldaper »Kreisausschusses« gab es 1995: Dietmar Kutz (Jahrgang 1943) und Danilo Gubsch (Jahrgang 1968) sind nun neben Grigat weitere jüngere Mitglieder.
In der Dokumentation wiesen wir ferner auf die derzeitige politische Ausrichtung der LMO hin. In Stade setzte nach unseren Veröffentlichungen eine breite Berichterstattung in den beiden örtlichen Zeitungen (Tageblatt und Wochenzeitung) ein, die sich kritisch mit der Arbeit der "KG Goldap" auseinandersetzten. Der dann folgende »Heimattag« der "KG Goldap" wurde sowohl von der SPD als auch von der "Die Grünen" Kreistagsfraktion boykottiert. Lediglich CDU und Kreisverwaltung stellten sich offen vor die "KG Goldap" und mokierten sich, dass die Angriffe ja nur von einer "kommunistisch gelenkten Splittergruppe" kommen würden, und man sich deshalb gar nicht damit befassen brauchte.
Die Wochen nach den »Heimattreffen« waren dann begleitet von einer LeserInnen-Brief-Diskussion in beiden lokalen Zeitungen, in denen die Meinungen aufeinanderprallten. Bis Sommer 1996 beschäftigte sich zwei mal in Folge der Kreiskulturausschuss mit der Patenschaft zur "KG Goldap". Auf Städtebene fand die Diskussion, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, im Verwaltungsauschuss statt. Eine von "Bündnis 90/Die Grünen" beantragte Diskussion im Kreistag wurde dann mit einem Beschluss zur Beibehaltung der Patenschaft mit der "KG Goldap" beendet, unter der Voraussetzung, dass die bestehenden Grenzen nicht in Frage gestellt werden, und dass sich an die bestehenden Verträge gehalten wird.
Lediglich "Die Grünen" waren weiterhin geschlossen gegen die Beibehaltung der Patenschaft. Die gesamte Diskussion wurde von unserer VVN-BdA Gruppe mit mehreren Erklärungen und weiteren Material über die revanchistische Tätigkeit der "KG Goldap" begleitet.
Wir erstellen z.Z. eine umfangreiche Broschüre, die die Geschichte der "KG Goldap" aufzeigt und ihr politisches Agieren. Mehrere Gastbeiträge u.a. über die »Charta der Heimatvertriebenen«, das »Ostpreußenblatt« und die »Junge Landsmannschaft Ostpreußen«, über deutsches Kapitalinteresse in der Oblast Kaliningrad und dort operierende deutsche Revanchisten und Neofaschisten werden das Thema abrunden.
Die Auseinandersetzung über das Weiterbestehen der Patenschaft zur "KG Goldap" wird auch die nächsten Jahre weitergehen, selbst wenn wir es im ersten Anlauf nicht geschafft haben, dass sie aufgelöst wird. Es ist uns aber dennoch gelungen den örtlichen Revanchismus in die Diskussion zu bringen und viele Menschen für das Thema zu sensibilisieren.
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(Landsmannschaft Ostpreußen Anm.d.A.)