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Das Attentat auf Rudi Dutschke

Einleitung

Tobias von Heymann im Interview

Am 11. April 1968 wurde Rudi Dutschke, das prominenteste Gesicht und Stimme der deutschen Studentenbewegung, von Josef Bachmann angeschossen und schwer verletzt. Bachmann galt nach der Tat in der Öffentlichkeit als ein im Leben gescheiterter kleinkrimineller Einzeltäter. Seine Begeisterung für das Dritte Reich oder die »Nationalzeitung«, die er zum Tatzeitpunkt in der Tasche hatte, wurden nicht als handlungsleitende Motivationsstruktur gesehen, sondern lediglich als weitere Belege seiner geistigen Verwirrung. Der Journalist Tobias von Heymann entdeckte 2009 bei Recherchen über Rechtsterrorismus in der Stasiunterlagenbehörde bisher unbeachtete Akten, die ein neues Licht auf Bachmann und das Attentat auf Rudi Dutschke werfen. Aus dem Bild eines verwirrten Einzeltäters, der durch die Springer-Zeitung und Neonaziblätter aufgehetzt wurde, wird ein fanatisch hassender organisierter Neonazi, dessen Clique der niedersächsischen Polizei zwar bekannt war, aber weitgehend toleriert wurde. Dabei gab es schon lange vor dem Attentat Indizien für die militante Gewaltbereitschaft der Gruppe: neben durchgeführten Anschlägen auf die Grenzbefestigungen der DDR war auch ein Attentat auf Walter Ulbricht geplant. Das AIB sprach mit Tobias von Heymann über seine Recherchen.

Der ehemalige NPD’ler und SS-Führer Paul Otte war im Rechtsterrorismus aktiv und gehört zu den Bekannten des Dutschke-Mörders Bachmann. (Faksimile: DER SPIEGEL 39/1984)

AIB: Was für ein Bild ergeben die von Ihnen in den Unterlagen der BStU gefundenen Akten über die niedersächsische Neonaziszene der 60er Jahre?

Zunächst spielt Niedersachsen eine besondere Rolle in der Geschichte der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) auf Bundesebene, da diese sich dort 1964 in Hannover gründete. Wie sich anhand von Stasi-Akten rekonstruieren lässt, gehörte zu den frühen Mitgliedern in Niedersachsen unter anderem Paul Otte, ein ehemaliger  Rottenführer des SS-Panzerregiments »Das Reich«. Er war in den 1960er Jahren laut Stasi-Akten Schatzmeister der NPD des Kreisverbandes Braunschweig und kandidierte für Kommunalwahlen – und eine Schlüsselfigur der niedersächsischen Neonazi-Szene. Wegen eines politisch motivierten Banküberfalls saß er zwei Jahre in Celle im Gefängnis. Das Geld sollte dazu dienen, einen NS-Untergrundkampf zu finanzieren.

Darüber hinaus verdiente Otte Geld damit, Tonbänder mit nationalsozialistischen Inhalten zu verkaufen, unter anderem mit Reden Hitlers, dem Horst-Wessel-Lied und anderer NS-Propaganda. Kontakte hielt Otte nicht nur zu deutschen Neonazis wie Michael Kühnen, sondern insbesondere zu dem US-amerikanischen Neonazi Gary Lauck, der von Nebraska aus in der Bundesrepublik die so genannte »NSDAP/AO« (Auslands- und Aufbauorganisation) aufbauen wollte. Mit Lauck und anderen Neonazis traf er sich sogar mindestens einmal in Kopenhagen. Otte reiste auch zu Treffen nach Belgien und England. Mit britischen Neonazis in Liverpool konnte Otte sogar mit Hilfe eines US-Funkgeräts Nachrichten austauschen. Jedenfalls muss sich Otte bereits in den 1960er Jahren radikalisiert haben, da er schon in dieser Zeit gewaltbereite Rechtsextremisten um sich scharte, die später die rechtsterroristische »Braunschweiger Gruppe« als Terror-Zelle der NSDAP/AO bildeten. Otte war dabei deren Leiter »für das Reichsgebiet Deutschland und für die Ostmark.« Geplant war, für diese neonazistische Untergrund-Organisation zunächst Zellen mit drei bis fünf Personen für bewaffnete Aktionen in der Bundesrepublik zu schaffen. Die Fäden dieser einzelnen Terror-Gruppen liefen dabei in den USA zusammen, von wo aus die Zentrale der NSDAP/AO die einzelnen Zellen anleitete. Propaganda verbreitete diese Organisation über den »NS-Kampfruf«, Aufkleber und Plakate.

Wie international vernetzt die niedersächsischen Neonazis Anfang der 1970er Jahre waren, zeigt der Plan, zur Bundestagswahl 1976 etwa 100.000 Plakate mit Hakenkreuzen und antisemitischen Parolen in Deutschland zu kleben. Diese Plakate druckten Neonazis in England, die dafür laut Stasi-Akten rund 800 D-Mark in britischen Pfund aus den USA über eine Schweizer Bank ausgezahlt bekamen. Aktivisten sollten diese Plakate dann über die grüne Grenze von Belgien aus nach Deutschland schmuggeln. Allgemein machte die US-Zentrale der NSDAP/AO Geldzahlungen von Aktionen abhängig. Zum Beispiel wollte Otte deshalb am Tag des Mauerbaus am 13. August 1976 einen Kranz samt Hakenkreuzfahne in West-Berlin nahe dem Brandenburger Tor ablegen. Als Beleg dafür wollte Otte Fotos dieser Aktion machen und diese dann in die USA schicken. 1977 war die »Braunschweiger Gruppe« schließlich eine gefährliche terroristische Vereinigung: Sie verübte Bombenanschläge auf das Amtsgericht Hannover, und die Amtsanwaltschaft Flensburg. Weitere Attentate waren gegen das jüdische Gemeindehaus in Hannover und die Bank für Gemeinwirtschaft in Hamburg geplant. Darüber hinaus plante sie laut Ermittlungen der Generalbundesanwaltschaft auch ein Attentat auf den damaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Gerhard Stoltenberg (CDU). Die dafür vorgesehene Rohrbombe war bereits gebaut und in einem Toilettenkasten von Ottes Wohnung versteckt. Die »Braunschweiger Gruppe« hatte in dieser Zeit sogar einmal eine per Funk ferngezündete Bombe auf einem Truppenübungsplatz getestet. Dazu kommen geplante Attentate auf den Transitverkehr in die DDR, die Berliner Mauer und schwarze Listen für einen »Tag X«, auf denen mehrere hundert Personen standen, die bei einem rechten Umsturz getötet werden sollten.

Vor diesem Hintergrund erhält die Tatsache besonderes Gewicht, dass Paul Otte auch ein Bekannter des Dutschke-Attentäters Josef Bachmann war. Dies war bis zu meinen Recherchen völlig unbekannt.

Welche Ihrer Erkenntnisse hätten eigentlich damals schon bekannt sein müssen?

Im März 1979 nahm die Polizei Otte und weitere Mitglieder der »Braunschweiger Gruppe« fest, die sich dann einem Strafverfahren wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung nach Paragraf 129a stellen mussten. Im Zuge dieses Verfahrens drangen einige Informationen an die Öffentlichkeit – unter anderem, dass Hans-Dieter Lepzien als V-Mann des niedersächsischen Verfassungsschutzes in dieser Gruppe aktiv war, wo er die Rolle als »Sicherheitsbeauftragten« wahrgenommen hatte. Seine Rolle, wie auch die des Verfassungsschutzes, ist bis heute umstritten. Lepzien war aber auch Stasi-Informant. Da seine Berichte erhalten geblieben sind, lässt sich das terroristische Treiben der »Braunschweiger Gruppe« heute sehr detailreich rekonstruieren. Wie viele dieser Informationen auch bundesdeutschen Behörden bekannt waren, ist schwer zu sagen. Zumindest öffentlich bekannt geworden ist das meiste aber erst durch die Stasi-Akten.

Welche Motive steckten dahinter, dass die Polizei nach dem Dutschke-Attentat den neonazistischen Hintergrund Bachmanns ignorierte und ausblendete?

Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke hat die Berliner Mordkommission sehr aufwändige Ermittlungen unternommen und unzählige Zeugen befragt. Ich konnte die archivarisch erhaltenen Ermittlungsakten der Berliner Polizei bei meinen Recherchen auswerten. Der betriebene Aufwand war beispiellos und ist präzise dokumentiert. Beim Gegenüberstellen mit dem Inhalt der Stasi-Akten stieß ich aber auf eine entscheidende Schlüsselpassage im Verhör mit Josef Bachmann nach seiner Festnahme, die erhebliche Fragen aufwirft.

So sagte Bachmann aus, dass er im März 1962 vier Wochen in Jugendarrest saß und das Urteil sich auch auf den Vorwurf des unerlaubten Waffenbesitzes erstreckte, »(Originalzitat) weil ich zu dieser Zeit eine Gaspistole besaß, die ich von Wolfgang Sachse für ungefähr 35 DM gekauft hatte«. Diese Pistole hatte Sachse dadurch zu einer scharfen Waffe gemacht, in dem er den Lauf durchbohrt hatte.« Unter anderem mit Wolfgang Sachse hätte er auch auf einem Schießplatz bei Peine (Zitat) »mehrfach scharfe Munition verschossen und sich so im Schießen geübt.« Dieser Wolfgang Sachse war einer der Bombenbauer der Braunschweiger Gruppe und stand ebenfalls später mit Otte wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor Gericht. Darüber hinaus arbeitete er auf einem Schießstand bei Peine, wo auch die dortige Polizei trainierte. Zu dieser soll er laut Aussagen des Doppelagenten Hans-Dieter Lepzien gute Kontakte gehabt haben und laut Stasi-Akten auch Polizisten mit Munition versorgt haben. Lepzien beschreibt eine regelrechte Kumpanei.

Das Erstaunliche ist: Unzählige Zeugen, Kollegen, Angehörige und Freunde hat vor allem die Berliner Polizei damals eingehend vernommen. Doch ausgerechnet Wolfgang Sachse, den Bachmann ja selbst offen benannt hat, fehlt in der Liste der Vernommenen. Dabei hätte sich bei einem Verhör Sachses aufgrund dessen Bekanntschaft mit Bachmann möglicherweise damals schon die Herkunft der Waffe und der Munition für das Attentat klären lassen. Denn schließlich hatte Bachmann das Attentat auf Dutschke mit einer durchbohrten Waffe dann auch verübt. Wäre Sachse damals eingehend vernommen worden und dabei auch seine Rolle auf dem Schießplatz in Peine samt seiner Polizei-Kontakte ans Licht gekommen – der niedersächsischen Polizei hätte in dieser aufgeheizten Zeit 1968 ohne Zweifel ein Skandal erster Güte ins Haus gestanden. Im Übrigen taucht auch Paul Otte in den Ermittlungsakten kein einziges Mal auf. Stattdessen meldet die Nachrichtenstelle der Polizei in Peine nach Berlin (Zitat): »Die hier geführten Ermittlungen haben keinerlei Anhaltspunkte erbracht, dass Bachmann politisch schon einmal in Erscheinung getreten wäre.« Dabei erwähnt Bachmann in dem Berliner Verhör auch, dass er ein Attentat auf Walter Ulbricht geplant sowie die DDR-Grenze mit scharfer Munition beschossen hatte.

Ein weiterer der in den Akten namentlichen Genannten, der zufällig zur Zeit des Dutschke-Attentats im Gefängnis saß, bot dem Magazin »Stern« sogar an, dass er über Hintermänner des Attentats Angaben machen könne. Diese Aussage zog er aber später zurück, als ihn die Polizei dazu befragte. Insgesamt ist die Aktenlage so erdrückend, dass hier eine Polizeipanne äußerst unwahrscheinlich ist. Dass Wolfgang Sachse nicht zu den Vernommenen von damals gehört, zeichnet vielmehr ein ganz anderes, aber sehr klares Bild.

Inwiefern würden Sie sagen, ist in Bachmann als Einzeltäter auch die damalige Zivilgesellschaft präsent?

Die regelrechte Feindseligkeit eines Teils der damaligen bundesrepublikanischen Gesellschaft gegenüber der 1968er Bewegung lässt sich nicht leugnen. Dennoch handelte Bachmann vor allem aus Motiven, die in seiner persönlichen Geschichte zu finden sind – und aufgrund seiner neonazistischen Einstellung, von der viele in seinem Umfeld aber nichts oder nur wenig wussten. Gegenüber Arbeitskollegen machte er nur vage Andeutungen (Zitat): »Ihr werdet noch von mir durch Radio und Fernsehen hören«, hatte er kurz vor der Tat gegenüber Kollegen geprahlt. Die hielten ihn jedoch für jemanden mit starker Geltungssucht, nahmen ihn nicht ernst, trauten ihm das nicht zu. Bachmann sah sich im Leben dramatisch gescheitert und war mehrfach straffällig. Er war wohl bereits mit 21 Jahren ein gebrochener Mensch. Paul Otte kann für ihn eine Vaterfigur gewesen sein und er verehrte Hitler und Napoleon als Vorbilder. Er suchte vergeblich Halt und fand ihn in der ideologischen Scheinwelt des politisch-autoritären Rechtsextremismus. Das Attentat sollte dann sein großer Abgang werden: Dutschke sollte sterben – und er wollte sterben: Nach den Schüssen verschanzte er sich im Keller eines Rohbaus in der Berliner Nestorstraße und lieferte sich ein wildes Feuergefecht mit der Berliner Polizei. Er hoffte, durch eine Polizeikugel zu sterben – aber er überlebte, wenngleich verletzt. Im Prozess spürte er dann zusätzlich, dass ihn die Gesellschaft nicht als großen Helden feierte. Später beging er dann nach mehreren gescheiterten Versuchen im Gefängnis Selbstmord, indem er sich eine Plastiktüte über den Kopf zog.

Was ist aus den anderen Mitgliedern dieser neonazistischen Terrorgruppe geworden?

Paul Otte ist mittlerweile verstorben, Gary Lauck hingegen ist nach wie vor in den USA als Neonazi aktiv. Er darf in Deutschland und andere europäische Staaten nicht mehr einreisen. Einige von Bachmanns Freunden entwickelten sich in den Jahren nach dem Attentat zu richtigen Neonazi-Terroristen, bis sie 1979 aufflogen, vor Gericht und dann in Haft kamen. Die eigentliche terroristische »Braunschweiger Gruppe« entstand erst nach dem Dutschke-Attentat. Bachmann kannte zwar die wesentlichen späteren Akteure schon in den 1960er Jahren, war aber aus heutiger Sicht wohl eher ein Vorläufer des späteren Rechtsterrorismus. Seine Tat hat die anderen nicht von diesem Irrweg abgebracht. Rückblickend stellt sich aber durchaus die Frage, ob sich diese Eskalation neonazistischer Gewalt nicht hätte im Keim ersticken lassen – wenn man Bachmanns Umfeld damals gründlich ausgeleuchtet hätte. Jede Antwort darauf bleibt natürlich letztlich hypothetisch. Das gilt auch für den Verlauf der 1968er-Bewegung und die Jahre danach.

Wie waren die Reaktionen auf Ihre Entdeckungen?

Das Medien-Echo war sehr positiv, nachdem der »Spiegel« als erster über meine Recherchen in den Stasi- und Polizeiakten berichtet hat. Viele hat überrascht, dass sich vierzig Jahre nach dem Attentat auf Rudi Dutschke noch so viel über die Hintergründe herausfinden und mit Akten und Fakten belegen läßt. Ansonsten ist bislang nicht viel passiert. Leider. Der Ex-Polizist Karl-Heinz Kurras, der 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss, war in seinem Prozess wegen Putativ-Notwehr freigesprochen worden. Erst nachdem 2009 rauskam, dass er auf der Lohnliste der Stasi stand, gab es bei ihm eine Hausdurchsuchung, bei der Waffen gefunden und beschlagnahmt wurden. Mir ist hingegen nicht bekannt, ob auch frühere Mitglieder der »Braunschweiger Gruppe« sicherheitshalber auf eventuellen Waffenbesitz oder -zugang hin überprüft wurden. Das scheint mir neben einem historischen Aufarbeiten des Falls z.B. durch das niedersächsische Landesparlament verdachtsunabhängig aber durchaus sehr überlegenswert.


Zum Autor:
Tobias von Heymann ist Politikwissenschaftler und arbeitet als freier Journalist für verschiedene Zeitungen. 2008 veröffentlichte er das Buch »Die Oktoberfestbombe«, in dem er die Hintergründe des Oktoberfestattentats von 1980 rekonstruiert.