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»Dortmund ist unsere Stadt«

Einleitung

Hintergründe neonazistischer Aktivitäten in Dortmund

Es ist Ostermontag, kurz nach 19 Uhr, als ein junger Neonazi in Begleitung seiner Freundin in der U-Bahn-Station Kampstraße auf einige Punks trifft. Einer von ihnen, Thomas Schulz, von seinen Freunden »Schmuddel« genannt, will die Sprüche des Neonazis nicht kommentarlos hinnehmen, geht alleine zu ihm, stellt ihn zur Rede. Plötzlich zückt der 17jährige ein Messer und sticht zu, trifft Schmuddel ins Herz.

Siegfried Borchardt (links) Anfang 2005 auf dem Podium bei einer Neonaziveranstaltung in den Niederlanden.

Der Täter flüchtet, wird wenig später aber festgenommen. Schmuddel stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus. Der Täter, laut Polizeiangaben »bislang eher als Mitläufer der sog. ‚rechten’ Szene in Erscheinung getreten«, sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Bereits fünf Wochen nach der Tat erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Mordes.

»Das musste in Dortmund früher oder später einfach passieren«, erklärt ein Punker am Rande einer antifaschistischen Demonstration am 2. April. 4.000 Menschen sind gekommen, hauptsächlich Antifas, Punks, junge Leute. Alle eint die Trauer und die Wut und die Einschätzung, dass die neonazistische Szene in der größten Stadt Westfalens nicht nur die aktivste in NRW, sondern auch besonders militant ist.

Der verbalen Militanz, an die man sich in den letzten Jahren beinahe schon gewöhnt hatte, war einmal mehr die Praxis gefolgt, diesmal mit tödlichem Ausgang. Überregional jedoch war in den Medien kaum etwas über den Mord in Dortmund zu erfahren. Und auch in Dortmund war das Thema bereits nach einer Woche aus den Medien verschwunden.

Exakt hierauf setzen die lokale Neonazis: »In einigen Monaten stehen die Dortmunder Punks wieder ohne bundesweite Unterstützung da«, schrieb ein »Gregor Weber« zwei Tage nach dem Mord auf der Homepage des »Freien Widerstandes«. »Die Machtfrage wurde gestellt und wurde für uns befriedigend beantwortet: Dortmund ist unsere Stadt!« Ganz ähnlich der Jargon auf Plakaten, die nach dem Mord geklebt wurden: »Wer der Bewegung im Weg steht, muss mit den Konsequenzen leben!«

Presserechtlich verantwortlich zeichnete der Kölner Axel Reitz, zentrale Figur des »Aktionsbüros Westdeutschland« (»AB-West«), eines Zusammenschlusses einiger »Freier Kameradschaften« in NRW. Nach Einschätzung der Dortmunder Antifa gehören sowohl die Autoren der »Weber«-Stellungnahme, als auch die Plakathersteller zum Spektrum der »Autonomen Nationalisten östliches Ruhrgebiet« (a.n.ö.r), die eng mit der »Kameradschaft Dortmund« verbandelt sind. Die a.n.ö.r sind ebenso wie ihr ähnliche Gruppen aus Duisburg und Wuppertal/Mettmann sowie die »Kameradschaft Dortmund« Teil des »AB-West«.

Der Text jenes »Weber« verschwand nach ein paar Tagen wieder aus dem Internet. Ersetzt wurde er durch eine Stellungnahme von Siegfried Borchardt, Chef der Dortmunder Neonazi-Szene. Der 51jährige war Gründungsmitglied und »Kopf« der heute nur noch als Partygastgeber auftretenden neonazistischen Hooligan-Gruppe »Borussenfront« und stellvertretender Bundesvorsitzender der FAP. Sein Wort gilt in der Szene. »Haltet den Ball flach«, befahl er seinen Kameraden just am Tag der antifaschistischen Demonstration.

Den Mord nannte er einen »traurigen Vorfall« und ein Resultat einer »Auseinandersetzung zwischen jugendlichen Gruppen«, vergaß aber nicht, deutlich zu machen, auf wessen Seite er steht: »No tears for punks«. Offenbar befindet er sich auf einer Gratwanderung. Auf der einen Seite steht das Streben nach Hegemonie auf der Straße und eine (verbale) Militanz, die nötig ist, um das Fußvolk bei der Stange zu halten. Auf der anderen Seite das Bemühen, den Bogen strafrechtlich nicht zu überspannen, um den Laden nicht in Gefahr zu bringen.

»Der Siggi«

Samstag, 11 Uhr. In einer Stunde beginnt einer der vielen Aufmärsche in Dortmund: »Zwei Flaschen Wasser«, ordert ein junger Skin an einem Kiosk auf der Mallinckrodtstraße: »Der Siggi hat Brand.« Die Frau hinter der Theke und zwei Kunden lachen. Man kennt »den Siggi« hier. »Ist wohl spät geworden«, merkt ein unscheinbarer Mittvierziger an, den man dann später auf dem Aufmarsch wiedersieht. Der Skin nickt und zahlt. Das Geld wird er wohl nicht zurückbekommen, jedenfalls nicht vom Siggi.

Schon mehrfach wurde dem die »Sozi« gestrichen, niemand weiß so recht, wovon er eigentlich seinen Bierkonsum und wöchentliche Reisen zu Aufmärschen finanziert. Mehr als zwei Dutzend Verurteilungen hat Borchardt von 1976 bis 2001 gesammelt. Vor zwei Jahren kam eine weitere auf Anzeige des ehemaligen Kroatien-Söldners Michael Kr. zustande, eigentlich ein »Vorzeigekamerad«, so Borchardt.

Als Türsteher einer Kneipe hatte Kr. aus Angst um seinen Job Borchardt samt Anhang den Zugang verwehrt. Am nächsten Morgen trat ihm der Abgewiesene die Wohnungstür ein und verprügelte ihn. »Ein ganz normaler Streit unter Freunden« verteidigte sich der Schläger, der einmal mehr das Szene-Image der »Kameradschaft«, ganz besonders »asi« zu sein, eindrucksvoll bestätigt hatte.

Sein Leitbild beschrieb der »Nationale Sozialist im freien Widerstand«, wie »SS-Siggi« sich selbst nennt, Anfang 2005 bei einer Veranstaltung der holländischen Sektion von »Blood & Honour« und der »Racial Volunteer Force« in den Niederlanden. Fotos zeigen ihn als Redner auf einem mit Hakenkreuzfahne, Reichsadler und SS-Totenkopf geschmückten Podium. Borchardt gedachte bei dem Treffen des 80. Jahrestags der Wiedergründung der NSDAP und des 75. Todestages des als SA-Heroen gefeierten Horst Wessel.

»Dortmund ist unsere Stadt.«

Diese Parole »schmückt« auch das Transparent, das die »Kameraden« bei ihren Aufmärschen vor sich her tragen. In keiner anderen Stadt in NRW haben Neonazis in den letzten Jahren so viele öffentliche Aktionen durchgeführt wie in Dortmund. Man fühlt sich stark und sagt dem antifaschistischen Gegner den Kampf an. Es werde »nicht zugelassen, dass auch nur eine einzige Veranstaltung linker und antifaschistischer Kreise ungestraft über die Bühne gehen wird«, hieß es großkotzig beim »AB-West«.

Und immerhin kam es schon zu mehreren Aufmärschen und Kundgebungen gegen Veranstaltungen des »Bündnis Dortmund gegen Rechts« und anderer Veranstalter. 30 Personen zählt der Verfassungsschutz NRW zu den »Aktivisten« der lokalen Szene. Für den VS handelt es sich um die größte lokale Szene in NRW. Die Polizei geht gar von einem harten Kern von 70 bis 80 Leuten aus. Das entspricht ungefähr der Zahl der tatsächlich kurzfristig mobilisierbaren Aktiven.

Bezeichnend ist, dass Borchardt kürzlich auf einer neonazistischen Demonstration über Lautsprecher zu einer »Kanalparty« am selben Abend lud. Man fühlt sich sicher. Wie andere Gruppen auch wechselten die Dortmunder im Lauf der Jahre mehrfach ihren Namen. Zumeist nannte man sich »Kameradschaft Dortmund«, eine Zeit lang firmierte man aber auch unter »Völkisch orientierte Gemeinschaft« (VOG). Häufig wird im Namen auch auf die Region Bezug genommen: »Kameradschaft Ruhrgebiet«, »Nationaler Widerstand Ruhrgebiet« oder ähnliches.

Wichtiger als das Label ist die Kontinuität der Akteure. Borchardts haftbedingten Ausfall von Herbst 2003 bis 2004 konnten seine langjährigen Stellvertreterinnen Katja Jarminowski und Karin Lenzdorf offenbar mühelos kompensieren. Angebunden an die »Kameradschaft Dortmund« sind neonazistische Gruppen und Cliquen aus mehreren Dortmunder Stadtteilen, aber auch Neonazis aus den Nachbarstädten und – kreisen, unter anderem aus Bochum sowie den Kreisen Recklinghausen und Unna.

Gerne ist man auch beim Aufbau von neuen »Kameradschaften« behilflich, wie u.a. der in Hamm/Westfalen. Überhaupt sind »Siggi« und seine Leute sehr reisefreudig. Kaum eine überregionale Neonazi-Demonstration im Bundesgebiet, zu der sie nicht anreisen. Nicht nur bei Aufmärschen in NRW stellen die Dortmunder häufig Ordner und Lautsprecherwagen nebst Anlage. Finanziert wurde die neue Anlage im Übrigen aus dem Erlös eines »Blood & Honour«-Konzerts in Belgien.

Mitorganisiert hatte es der Dortmunder Sebastian Seemann, der derzeit in der JVA-Bielefeld einsitzt. Seemann: »Wie ich sagte, fließt der Erlös ohne Ausnahme wieder zurück in die Bewegung.« Es werde von nun an »nach jeder Veranstaltung ein Teil des Erlös an die Kameradschaft Dortmund gehen.« Für die Rekrutierung des Nachwuchses sorgt in Dortmund u.a. die Band »Oidoxie« um Marko Gottschalk, der gemeinsam mit Carsten Jährling auch als Kameradschaftsführer im Dortmunder Stadtteil Brechten gilt.

»Oidoxie« ist fester Bestandteil der Dortmunder Neonazi-Szene. Einerseits sind die Bandmitglieder bei den Aufmärschen präsent, auch als Anmelder, Ordner und Redner, andererseits organisiert die Borchardt-Truppe Solidarität für die sich von Antifas, Presse und Staat verfolgt fühlenden Barden. In dieser Kombination gelang es den Dortmunder Neonazis, zunehmend junge Leute für politische Arbeit zu gewinnen.

Das größte Konzert vor Ort fand am 16. März 2002 mit zirka 1.300 Gästen in einer angemieteten Partyhalle in Dortmund-Schüren statt. Zur Struktur der Dortmunder Neonazis gehört seit der Jahreswende 2002/2003 auch ein eigener Shop: »Buy or Die«. Ladeninhaber Peter Voss ist schon seit seiner Jugendzeit in der neonazistischen Szene aktiv.

Inzwischen ist der Szeneladen in ein Nachbarhaus umgezogen und hat einen Namenswechsel vollzogen: »Donnerschlag«. Ein solcher hat den Laden offenbar auch schon getroffen: Die gläserne Eingangstür musste erneuert werden. Wenig hörte man in den letzten Jahren von der einst recht aktiven NPD und JN in Dortmund. Zwar existiert ein NPD-Kreisverband, dieser entwickelte aber zuletzt keinerlei sichtbare Aktivitäten.

Der langjährige Vorsitzende, das NPD Landesvorstandsmitglied Horst Rosenow, verstarb im Vorjahr 68jährig. Schon einige Jahre zuvor hatte er den Vorsitz an den über 40 Jahre jüngeren Pascal Zinn abgegeben, der in die Strukturen der »Freien« eingebunden ist und gemeinsam mit Reitz die Gründungserklärung des »AB-West« unterzeichnete. Vor der Europawahl im vorigen Jahr gab Borchardt eine »Wahlempfehlung« zugunsten der NPD ab, vor der NRW-Landtagswahl am 22. Mai hielt er sich aber zurück.

Von einer deutlichen Unterstützung der NPD war nichts zu spüren, und mit 1,0 bis 1,4 Prozent in den vier Wahlkreisen der Stadt lag die Partei zwar etwas über ihrem Landesdurchschnitt von 0,9 Prozent, blieb aber auch in Dortmund hinter ihren Erwartungen zurück. Borchardt selbst war vom Worch-Flügel der Neonazis als Kandidat der »Freien« auf der NPD-Landesliste befürwortet worden, wollte aber offenbar nicht antreten.

Fazit

Es wird deutlich, dass die Neonazi-Szene in Dortmund vor Selbstbewusstsein strotzt. Sie verfügt über gewachsene Strukturen, mit Borchardt über eine als charismatisch empfundene Führungsfigur und über erfahrene Leute in der zweiten Reihe. Verbunden mit mehreren Neonazi-Cliquen und kameradschaftsähnlichen Strukturen in den Stadtteilen, mit einem großen Fan-Umfeld der Band »Oidoxie« und einem eigenen Szeneladen, weiß sich die Szene anzubieten, insbesondere jungen Leuten. Antifaschistische Gegenwehr war zudem in den letzten Jahren in Dortmund nur sehr schwach entwickelt, was es dringend zu ändern gilt.