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Die Debatte um das »Zentrum gegen Vertreibungen« in Polen

Einleitung

Am 6. September 2000 wurde unter der Bund der Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach das »Zentrum gegen Vertreibungen« als »gemeinnützige Stiftung der deutschen Heimatvertriebenen« gegründet. Vorsitzende dieser Stiftung sind die CDU-Bundestagsabgeordnete Steinbach und der SPD-Prominente und Sudetendeutsche Prof. Peter Glotz. Ziel dieses Projektes ist nach eigenen Angaben: »Das Zentrum gegen Vertreibungen will in Berlin eine Dokumentations- und Begegnungsstätte errichten, die ausgehend vom national erfahrbaren Schicksal der deutschen Vertriebenen den Blick auch auf das Vertreibungsschicksal anderer Völker lenkt, um international die Ächtung solcher menschenrechtsverachtender Politik zu erreichen.«

Die Diskussion um das Zentrum wird in Polen sehr viel lebhafter als in Deutschland geführt. Das erklärt sich aus dem historischen wie aktuellen Kräfteverhältnis: Es gibt in Deutschland höchstens eine taktische Notwendigkeit, politisch »sensibel« mit Polen umzugehen, umgekehrt ist es für die Polen – wie die Geschichte gezeigt hat – eine Überlebensfrage die Zielsetzung deutscher Politik richtig einzuschätzen. Nun ist die Debatte seit dem Sommer 2003 richtig in Fahrt gekommen: Ausgangspunkt war unter anderem ein Artikel einer westdeutschen Altlinken, Helga Hirsch, die sich seit langem in der linksliberalen polnisch-deutschen Szene tummelt und publiziert und daher in Polen sehr bekannt ist. In diesem Artikel entkontextualisierte sie das Leiden während und nach dem Zweiten Weltkrieg, fragte nicht mehr nach Tätern oder Opfern und nach historischer Verantwortung, sondern universalisierte menschliches Leid und fragte: »Ist das Leiden eines Menschen weniger wert als das eines anderen?«

Dann schrieb sie weiter: »Zweifellos litten Polen und Juden wegen des Nationalsozialismus unvergleichbar mehr als die Deutschen. Aber kann das bedeuten, dass der Schmerz einer Deutschen, deren Kind während eines Bombenangriffes in Swinemünde während der Flucht verschüttet wurde, kleiner sein muss als der Schmerz einer Polin, deren Sohn als Mitglied des Untergrundes im Pawiak (Gefängnis in Warschau, in dem viele WiderstandskämpferInnen ermordet oder in die KZs abtransportiert wurden) erschossen wurde?« Weiter merkte Hirsch an, dass der Krieg viele Deutsche traumatisiert habe und man mit diesen Traumata umgehen müsse. Der oben zitierte Vergleich schlug in Polen ein wie eine Bombe – viele Prominente, Überlebende und Historiker wiesen ihn harsch zurück. Hirsch wurde zur Frage der Traumata erwidert, das Problem der traumatisierten Deutschen gäbe es nur, weil die Deutschen den Krieg verloren hätten. Hätten sie ihn gewonnen, hätten nur die unterlegenen Völker mit ihren Traumata zu kämpfen. Hirschs Artikel wie die gesamte Entwicklung in Deutschland rund um das Zentrum löste bei vielen polnischen Intellektuellen einen Schock aus, machte er doch deutlich, dass es offensichtlich alten, für Verbündete oder gar FreundInnen gehaltenen deutschen Intellektuellen darum geht, so die verbreitete Einschätzung in Polen, sich endlich der Täterrolle zu entledigen und sich in die Reihe der Opfer des Zweiten Weltkrieges einordnen zu können.

In den großen polnischen Tageszeitungen, der Gazeta Wyborcza und der Rzeczpospolita (die bislang nicht von deutschen Medienkonzernen aufgekauft werden konnten wie viele andere polnische Zeitungen), gibt es mittlerweile große Artikelsammlungen, in denen der Verlauf der Debatte nachvollzogen werden kann. Zu Wortgemeldet haben sich praktisch alle namhaften Veteranen: Allen voran Marek Edelman, einer der letzten Überlebenden des Warschauer Ghetto-Aufstandes oder Wladyslaw Bartoszewski, Auschwitz-Überlebender und nach der Wende eine Zeitlang polnischer Außenminister. Die einhellige Meinung:

• die Befürworter des Zentrums bilden ein breites Bündnis von Alt-68ern (Daniel Cohn Bendit), breiten Teilen der SPD (Otto Schily, Peter Glotz) und großen Teilen der CDU/CSU (Stoibers Ehefrau ist auch eine »Vertriebene«);

• das Zentrumsprojekt ist der Versuch der deutschen Mehrheitsgesellschaft, sich endgültig aus der historischen Verantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus zu stehlen;

• mit dem allgemeinen Bezug auf die »Menschenrechte«, die generell Vertreibungen als Verbrechen markieren, sollen Deutsche als Opfer des Zweiten Weltkrieges etabliert werden. Rechne man noch die deutschen Opfer der alliierten Bombenangriffe dazu, so die Meinung in der Presse, könne sich die deutsche Mehrheitsgesellschaft einbilden, man sei eigentlich neben den Juden die Hauptleittragenden des Zweiten Weltkrieges; allein die Tatsache, dass das Zentrum in der Nähe des Holocaust-Mahnmal sein solle, erwecke die albtraumhafte Vorstellung, polnische Touristen könnten in Zukunft in Berlin erfahren, dass die einzigen und beinahe ebenbürtigen Opfer des Zweiten Weltkrieges die Juden und die vertriebenen Deutschen seien;

• materieller Hintergrund dieses eine neue nationale Identität konstruierenden Diskurses sei der versuchte Zugriff der »Vertriebenen« auf die nach dem Zweiten Weltkrieg enteigneten Besitztümer und ihre Forderung nach Entschädigung. Diesem Aspekt widmen die Zeitungen breiten Raum. Ihm wird entgegengehalten, dass, würde man den Deutschen die Schäden in Rechnung stellen, die Polen aufgrund des Zweiten Weltkrieges erlitten habe, die Deutschen eine Billion Dollar, das heisst, 40Jahre lang zahlen müssten, wollten sie nicht gleich bankrott gehen.

Mit Interesse wird in Polen zur Kenntnis genommen, mit welcher Argumentation die Vertriebenenverbände die breite Unterstützung für ihr geschichtsrevisionistisches Projekt erhalten konnten: Die deutschen Landsmannschaften hätten sich in den letzten Jahren sehr um political correctness bemüht – die Forderung nach Aufheben der Benes-Dekrete (Grundlage der Aussiedlung vieler Deutschen aus der Tschechoslowakei) wurde beispielsweise mit dem Argument begründet, ihnen würde das Prinzip der Kollektivverantwortung zugrunde liegen und dieses sei mit den Grundsätzen des »Neuen Europa« nicht vereinbar. Was sei – so fragt man – Ergebnis des »neuen Blicks der Deutschen auf ihre Geschichte«? Dass der 1. September ein guter Tag sei, um den Tag der »Vertriebenen« zu begehen, und der 8. Mai eine gute Gelegenheit, um das Leiden der Juden mit den Leiden der deutschen »Vertriebenen« zu vergleichen, so wie dies Erika Steinbach bereits in Artikeln getan habe. Und: Die polnische Rechte hat durch diese Diskussion neuen Auftrieb erhalten. Als Europagegner, die hinter der EU- (und auch USA-) Annäherung der politischen Elite den Einfluss des »internationalen Judentums« vermutet, organisiert nun die Liga Polskich Rodzin (Liga der polnischen Familien) eine Gegenkampagne: Sie beabsichtigt, vor allem in Warschau, das im Kriege praktisch völlig zerstört wurde, aber auch polenweit die genauen Kriegsschäden festzustellen und durch Verfahren vor Internationalen Gerichtshöfen und auch den USA gegen deutsche Firmen und die deutsche Regierung eine Entschädigung hierfür einzutreiben.