(Foto: Change.org; CC BY-NC 2.0)
Gesellschaft | AIB 134 / 1.2022 | 06.08.2022

Feminizide und Gewalt gegen Frauen in der Berichterstattung

Deutsche Medien haben ein Sexismusproblem. Sie verharmlosen in ihrer Berichterstattung strukturell (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen – und das jeden Tag. Wir lesen über „Familiendramen“, „Beziehungstaten“ oder „Sextäter“. Eines haben all diese Wortschöpfungen gemeinsam – sie verfälschen Tatbestände, bagatellisieren und verschweigen das strukturelle Ausmaß von Gewalt gegen Frauen systematisch. Frauenmord, Feminizid oder Femizid lesen wir wenig bis gar nicht.

Britta Häfemeier

Jeden zweiten bis dritten Tag wird eine Frau von ihrem (Ex-) Partner getötet, die Tendenz steigt. Die Statistik des Bundeskriminal­amtes zu Partnerschaftsgewalt in Deutschland im Jahr 20201 belegt einen deutlichen Anstieg von Feminiziden. Die Dunkelziffer wird aber höher sein, denn in Deutschland gibt es keine unabhängige Beobachtungsstelle, die alle Fälle von Femiziden in Deutschland erfasst, untersucht oder Maßnahmen zur Prävention erarbeitet.

Feminizid bezeichnet zum einen die geschlechterspezifische und endemische Natur der Gewalt gegen Frauen, also „die Tötung von Frauen durch Männer, weil sie Frauen sind“ und kennzeichnet zudem die Untätigkeit des Staates dagegen etwas zu tun. 139 Frauen wurden 2021 ermordet. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Anstieg von knapp 16 Prozent. Frauen werden getötet weil sie Frauen sind. Und in der medialen Berichterstattung findet diese strukturelle Gewalt nicht statt. Auch strukturell, politisch sowie juristisch werden Feminizide und Gewalt gegen Frauen nicht eingeordnet. Viel mehr wird Gewalt gegen Frauen sprachlich und gesellschaftlich verharmlost.

Istanbul-Konvention und die Rolle der Medien

Medien müssen in Demokratien“ – besonders in Krisenzeiten – „aufklären.“ Und genau das wird durch den Artikel 17 der Istanbul Konvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt unterstrichen. Medien müssen Wege finden, sich selbst Richtlinien aufzulegen, um Gewalt gegen Frauen zu verhindern. Wenn Frauen allein aufgrund ihres Geschlechts umgebracht werden, dann ist das ein Feminizid, der auch so benannt werden muss. Nur dann kann das System dahinter sichtbar werden. Alleine deswegen ist wichtig: Medien, die Feminizide als Dramen oder Tragödien verharmlosen, sind Teil dieses Problems. „Gender Equality Media„ screent täglich die Berichterstattung deutscher Medien. Ohne Aktivist*innen würde es keine Daten geben, deswegen belegt der Verein Gender Equality Media systematisch, wie über Gewalt gegen Frauen berichtet wird.

2021 hatte wirklich seine Höhen und Tiefen. Natürlich bestimmte wieder die Corona-Pandemie die Berichterstattung, dadurch wurde aber auch Gewalt gegen Frauen und „häusliche Gewalt“ vermehrt zum Thema in den Medien. Das tägliche Medienscreening bestätigt: Die deutsche Berichterstattung verharmlost Gewalt gegen Frauen. Die Ergebnisse von 2021 sind erschreckend: 95 Prozent der Medienberichte verwenden gewaltverharmlosende Sprache, wenn sie über (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen berichten. Im Jahr 2021 hat der Verein die Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen von über 260 Medien via Google News gescreent. Lediglich fünf Prozent nutzen Formulierungen, die halbwegs das abbilden, was wirklich passiert: Femizide oder das Synonym Frauenmord beschreibt, dass das Mordopfer eine Frau war. Es untergräbt, dass sie ermordet wurde, weil sie eben eine war.

Während der Begriff Feminizid kein einziges Mal in der Berichterstattung auffindbar war, führen Begriffe wie Bluttat, Beziehungstat und Familiendrama die Negativ-­Top-Drei der gewaltverharmlosenden Sprache an. Je blutiger und grausamer ein Angriff gegenüber Frauen ist, desto voyeuristischer und profitgieriger wird die Tat in den Medien ausgeschlachtet. Nicht selten wird dabei ausschließlich aus der Täterperspektive berichtet. Einzelheiten der Tat werden detailliert beschrieben, manchmal sogar bis hin zur Unterwäsche des Opfers. Solche Details haben nichts in der medialen Berichterstattung zu suchen. Sie bedient das Narrativ der Täter-Opfer-Umkehr: Die Opfer waren nicht vorsichtig genug und tragen deswegen eine Mitschuld.

Rassistische Doppelmoral in deutschen Medien

Die größte Veränderung im Vergleich zu 2020: Die rassistische Berichterstattung mit dem Begriff „Ehrenmord“ steigt um 1050 Prozent. Hier wird besonders die vermeintliche Herkunft der Täter betont. Wir beobachten, dass Femizide vor allem dann als „Ehrenmorde“ bezeichnet werden, wenn die Täter salopp gesagt nicht weiß sind und nicht „Hans Müller“ heißen. Obwohl Feminizide in Deutschland häufig und sogenannte „Ehrenmorde“ selten sind, hat sich Letzteres viel mehr im deutschen Sprachgebrauch durchgesetzt. Deutlich wird dies, indem der Begriff „Ehrenmord“ als Begriff bereits 2009 Einzug in den Duden erhielt, der Begriff Femizid hingegen erst 2020.

Medien beziehen sich bei der Verwendung des Begriffs „Ehrenmord“ wie auch bei „Familiendrama“ häufig auf die Sprache im Polizeibericht zurück. Allein die Existenz des Wortes „Ehrenmord“ verdeutlicht daher, worauf deutsche Behörden ihren Fokus legen: Sie erkennen eine Systematik, wenn vermeintlich nicht-deutsche Männer im vermeintlichen Namen ihrer Kultur Frauen töten. Wenn deutsche Männer Frauen töten, wird dies hingegen unter dem Begriff der Partnerschaftsgewalt zusammengefasst. Medien reproduzieren, bestätigen und manifestiereren mit ihrer Berichterstattung diese Auffassung. Die Betonung des kulturellen Hintergrunds der Täter ist falsch. Sie suggeriert, dass es sich um ein Problem der vermeintlichen „Anderen“ handelt. Männer töten aber auf der ganzen Welt Frauen. Toxische Männlichkeit und damit einhergehende Besitzansprüche sind das Problem – nicht Herkunft und Sozialisierung.

Medien müssen Verantwortung übernehmen

Der Einfluss von Medien und die damit einhergehende Verantwortung ist stärker denn je. Aber genau diese Verantwortung müssen Medien, Redaktionen und Journalist*innen wahrnehmen – auch ganz im Sinne der Istanbul-Konvention. Systematische Diskriminierung jeglicher Art (durch transparente, nachverfolgbare Maßnahmen) müssen abgebaut werden. Kritische Berichterstattung, und ganz besonders die über Gewalt an Frauen, muss von allen Medien priorisiert werden.

Wenn Frauen getötet werden oder Gewalt erfahren, ist das kein Fall von Entertainment. Die Berichterstattung darüber darf nicht für Clickbaits missbraucht werden! Mit dieser Nichtbenennnung entsteht der Eindruck, es handele sich lediglich um einen traurigen Einzelfall. In Wirklichkeit stecken Misogynie, toxische Männlichkeit und ein System dahinter. Diese Wortschöpfungen relativieren und legitimieren diese Gewalt sprachlich. Und regen im allerschlimmsten Fall zu Nachahmungen an, weil die Hemmschwelle sinkt. Wenn wir alle Frauenmorde als Feminizide bezeichnen würden, würde das die strukturelle Gewalt dahinter aufdecken und auch die Möglichkeit eröffnen, über die Ursache und Lösung davon zu sprechen. Wenn die Gesellschaft und Medien aber weiterhin von „Familien­dramen“ und „Eifersuchtsdramen“ sprechen, können wir Feminizide auch nicht bekämpfen.

Journalist*innen müssen zu Verbündeten werden

In Redaktionsrichtlinien, Leitbildern oder Visionen spricht sich parallel eine Vielzahl der deutschen Medien für die Förderung von Diversität und den Abbau von Diskriminierung aus. Der Verein „Gender Equality Media„ hat es sich zur Aufgabe gemacht, diskriminierende Berichterstattung aufzudecken sowie Sexismus innerhalb der Medienproduktion zu adressieren. Bei einem Blick auf die aktuelle politische Landschaft und Diskurse wird deutlich, dass Sexismus eng mit anderen Diskriminierungsformen wie Rassismus verwoben ist. Diese Unterdrückungsformen stellen letztendlich die Klassenfrage: Wer sitzt in den Chef*innenetagen, wer darf publizieren und wer ist ökonomisch und politisch hierarchisiert. Erst wenn wir die politischen und damit natürlich in sich verwobenen Kapitalinteressen der dominierenden Medienhäuser thematisieren, können wir gemeinsam mit Journalist*innen auch einen Wandel in der Berichterstattung erkämpfen.

Medien sind Teil und Lösung des Pro­blems: Sie tragen einen Großteil zur Meinungsbildung bei und müssen entsprechend verantwortungsbewusst berichten. Dazu gehört auch, systemische Gewalt gegen Frauen in der Berichterstattung entsprechend einzuordnen. Nur wenn sie das tun und die Gewalt nicht verharmlosen, sondern als das benennen, was sie ist, können sie Verbündete sein.

  • 1. Bundeskriminalamt, Partnerschaftsgewalt: Kriminalstatistische Auswertung – Berichtsjahr 2020.