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Antifaschistisch das Alter genießen

Petra Schondey und Petra Vollmer
Einleitung

In Hamburg gibt es zwei Institutionen, die sich um die Betreuung und Begleitung von NS-Verfolgten kümmern. Eine von ihnen ist der ambulante Pflegedienst „Solidarische Hilfe im Alter“(kurz: „Solihilfe“). Dieser wurde 1996 gegründet: Ausgangspunkt waren die aus Altersgründen zunehmenden Anfragen der NS-Verfolgten und ihrer Angehörigen, welche Hilfen im Fall von Erkrankungen und/oder Pflegebedürftigkeit bestehen. Die 1995 neu eingeführte Pflegeversicherung sollte speziell auch für diesen Personenkreis zugänglich gemacht werden. Unser Ziel ist es bis heute, insbesondere NS-Verfolgten eine adäquate ambulante Versorgung anzubieten und sie bei der Inanspruchnahme entsprechender Leistungen des Sozialsystems zu unterstützen. 

Symbolbild von r.nial.bradshaw/<a href="http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/">CC BY 2.0</a>

Dass die Solihilfe Pflegebedürftige jeden Alters betreut und im gesamten Hamburger Stadtgebiet aktiv ist, ergab sich aus der Zielgruppe. Ergänzend zum Pflegeangebot wird mit psychosozialen Hilfsdiensten, sozialen und politischen Institutionen zusammengearbeitet, die von den Kund_innen der Solihilfe genutzt und besucht werden. Der Erhalt der sozialen Bindungen der betreuten Menschen gehört zu den Grundpfeilern der Unternehmensphilosophie.

Aus diesem Grund „teilt“ sich die Solihilfe mit der KZ-Gedenkstätte Neuengamme zwei Freiwilligenstellen, die die von keiner Seite getragenen Aufgaben wahrnehmen: Begleitung zu Veranstaltungen und Exkursionen im Rahmen des Begegnungs-cafés ehemals NS-Verfolgter, gemeinsame Friedhofsbesuche, Einkäufe und andere Hilfen im Alltag.

In den vielen Jahren unseres Bestehens sind zu den Kund_innen aus der eigentlichen Zielgruppe auch viele andere hinzugekommen: Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit psychischen, sozialen und/ oder Suchtproblemen sowie Menschen, die uns über Freunde, Nachbarn, Ärzte etc. kennengelernt haben.

Es gibt weder für Kund_innen noch für Mitarbeiter_innen Bedingungen für die Aufnahme bzw. Mitarbeit, sofern diese unsere vorrangige Orientierung an den Interessen ehemals NS-Verfolgter sowie unsere antifaschistische und antirassistische Grund­haltung sympathisch finden und unterstützen.
Die Solidarische Hilfe im Alter SHA GmbH berücksichtigt die spezifischen Bedürfnisse, Probleme, Einstellungen und Lebenslagen, die sich aus politischer und sozialer Verfolgung, Flucht und Migration ergeben. Dieser Anspruch wird getragen und realisiert durch die beschäftigten Kranken- und Altenpfleger_innen, die Haushaltshilfen, einen Psychologen und Verwaltungsfachleute.

Hand in Hand geht die Arbeit des Pflegedienstes mit der zweiten Institution, dem Verein „Psychosoziale Arbeit mit Verfolgten e. V.“, der nach seinen Möglichkeiten ehemals NS-Verfolgte ehrenamtlich unterstützt.

Hinter dem sperrigen Namen verbirgt sich ein Verein, den 1996 Mitglieder und ehrenamtliche Mitarbeiter_innen in Verfolgtenverbänden (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten VVN/BdA), Vereinen (Projektgruppe für die vergessenen Opfer des NS-Regimes in Hamburg e.V.) und Projekten (Antirassistisches Telefon Hamburg/Café Exil) in Hamburg gründeten.

„Psychosoziale Arbeit mit Verfolgten e.V.“ in Hamburg bietet ehemals NS-Verfolgten, ihren Angehörigen und Freund_innen Beratung und psychosoziale Hilfen an. Die Unterstützung wird bei Problemen der Betroffenen geboten, die aufgrund ihres Alters und damit verbundener Krankheit und Gebrechlichkeit entstehen. Anlass sind oft Krisensituationen, die professionelle und/ oder freiwillige Hilfen im Alltag (dauerhaft) notwendig machen.

Die (finanziellen) Mittel, die Krankenkassen, Pflegekassen und/ oder Versicherungs- und Sozialleistungsträger für die Organisation von Unterstützung und Hilfe im Alltag bieten, sind schwer zugänglich und reichen in der Regel nicht aus. Viele Bedürfnisse und Notwendigkeiten (Kommunikation, soziale Kontakte) wer­den gar nicht berücksichtigt.

Ziel ist es, ein den besonderen Lebenswegen und Bedürfnissen Verfolgter und ihrer Angehörigen angemessenes Angebot von Alltagshilfen sowie ein unterstützendes Netz von Information, Beratung und Begleitung zu entwickeln. Dies versteht sich im Land der NS-Täter und einer Nachkriegsgeschichte, die von Härte, Abwehr, Verdrängung und Bagatellisierung der Folgen für die Opfer der NS-Verfolgung und Vernichtungspolitik geprägt ist, keineswegs von selbst.

Ein besonders wichtiger Anknüpfungspunkt der Arbeit besteht zum einen in der Kooperation mit den Verfolgtenverbänden, zum anderen im Herstellen von Gelegenheiten, die Betroffenen selbst zu beteiligen, auch wenn sie sich nicht mehr aktiv in die Vereinsarbeit einbringen können.
Wir arbeiten kontinuierlich am Aufbau von ehrenamtlichen Besuchskontakten, an der Begleitung zu Veranstaltungen und Organisation von Treffen sowie Hilfestellung für die Aufrechterhaltung sozialer Kontakte. Die Sammlung, Bearbeitung und Vermittlung von biografischem Material spielt dabei eine besondere Rolle. Lebensgeschichten können in einem lebendigen Kontakt zwischen den Generationen ein hervorragender Bezugspunkt sein.

Hervorzuheben bei den Aktivitäten ist sicherlich die Mitarbeit im Begegnungscafé ehemals NS-Verfolgter, das seit sechs Jahren für NS-Verfolgte und ihre Familien/ Freund_innen einmal im Monat stattfindet. Bei Kaffee und Kuchen, vor und nach einem kurzen Rahmenprogramm, können die Gäste miteinander ins Gespräch kommen. Es werden auch gemeinsame Exkursionen, Besuche von KZ-Gedenkstätten, Veranstaltungen und Museen angeboten.

Das Projekt wird seit seiner Gründung über eine Zuwendung der Hamburger Sozialbehörde gefördert. Das versetzt die Planungsgruppe in die Lage, Exkursionen und Kulturbeiträge ohne Eigenanteil der Besucher_innen zu planen und für den Dezember-Termin eine Weihnachtsfeier mit Kulturprogramm und phantasievollen Geschenken für alle Besucher_innen zu veranstalten. Bis heute sind diese Veranstaltungen gut besucht.

Getragen wird die Vereinsarbeit von ehrenamtlich tätigen Menschen zwischen 20 und 70 Jahren, die sich gemäß ihren Möglichkeiten einbringen. Über viele Jahre konnte eine Freiwilligenstelle angeboten werden, die zurzeit aus finanziellen Gründen nicht besetzt ist.


Weitere Infos:
www.solihilfe.de und www.psychosoz-arbeit.org