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Waldemar Pabst – „Netzwerker im Hintergrund“

Einleitung

Interview mit Dr. Manfred Wichmann 

Waldemar Pabst steht exemplarisch für die Kontinuität der antidemokratischen Rechten in Deutschland. Als Generalstabsoffizier der Garde-Kavalerie-Schützen-Division (GKSD) war er im Jahr 1919 der Organisator der Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs. Nie musste er sich dafür vor Gericht verantworten. In der Weimarer Republik wurde Pabst zu einem Netzwerker der antidemokratischen und nationalistischen Rechten. Die von ihm gegründete „Gesellschaft zum Studium des Faschismus“ (GSF) versammelte Militärs, Wirtschaftsfunktionäre und national-konservative Politiker. Die „Gesellschaft“ war Teil einer Idee von Pabst, eine „faschistische Internationale“ zu schaffen. Über Waldemar Pabst und die antirepublikanischen rechten Netzwerke der Weimarer Republik sprach das AIB mit Dr. Manfred Wichmann, dessen Dissertation zum Wirken Pabsts kürzlich erschien.

Foto: Bundesarchiv Bild 183-2005-0413-501/CC BY-SA 3.0

Waldemar Pabst (mit Blumenstrauß) — Organisator der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht

Waldemar Pabst ist nur einer Fachöffentlichkeit historisch interessierter Menschen ein Begriff. Weshalb schenkte dieser Schlüsselfigur der Geschichte der deutschen extremen Rechten kaum jemand Aufmerksamkeit?

Waldemar Pabst war unzweifelhaft eine Person von historischer Bedeutung und seine Aktivitäten haben vor allem in der Zwischenkriegszeit die deutsche Geschichte mit beeinflusst. Dennoch wurden seine Rolle und Bedeutung lange Zeit kaum beachtet.

Drei Gründe sind wohl dafür zu nennen: Erstens gehörte Pabst keiner der sozialen Gruppen an, die lange Zeit vorrangig im historischen Forschungsinteresse standen, nämlich den Politikern oder Intellektuellen. Dass ein Berufsoffizier aus eigenem Antrieb einen solchen Wirkungskreis entwickeln konnte, ist tatsächlich eine Ausnahme.

Zweitens gehört Pabst zu einer Kategorie, von denen auch schon Armin Mohler in seiner „Konservativen Revolution“ gesprochen hat, nämlich als „Netzwerker im Hintergrund“. Es liegt im Wesen dieser Netzwerker, dass sie Kontakte vermitteln, durch Gespräche lenken und als personelle Verknüpfung zwischen verschiedenen Interessengruppen fungieren, und das hinterlässt keine klassischen schriftlichen Quellen.

Drittens hat Pabst immer selber versucht, seine Aktivitäten geheim zu halten, Spuren zu verwischen und die Informationen über ihn zu kontrollieren. Seine engen Verbindungen zum Militär und den Geheimdiensten waren ihm dabei sehr hilfreich, und Pabst behielt stets auch seine eigene Sicherheit im Blick. Er war zudem, wie schon die Zeitgenossen bemerkt haben, ein brillanter Organisator und von hoher Intelligenz, aber ohne große persönliche Ausstrahlungskraft.

In Ihrem Buch schreiben Sie, die von Pabst gegründete GSF sei nur der Torso einer von ihm geplanten "weißen Internationale", also einer politischen Vernetzung der europäischen Faschismen gewesen. Weshalb kam diese nicht zu Stande ?

Pabst hatte noch in Österreich als Stabschef der Heimwehren die Idee einer „Weißen Internationale“ entwickelt. Für Pabst hatte die Mobilisierung aller Kräfte gegen den Bolschewismus die höchste Priorität. Daher setzte er auf eine internationale Kooperation der antisozialistischen Kräfte. Pabsts militärischer Ansatz drückte sich auch in seiner Anerkennung für die straffe, länderübergreifende Organisation seines Hauptgegners aus, und mit der Weißen Internationale wollte er im Prinzip die Waffen des Gegners übernehmen. Für sein Vorhaben bemühte er sich ab 1930 in zahlreichen Anschreiben um Unterstützung und Förderer vor allem in Österreich, Deutschland, Ungarn und Italien.

Das Scheitern seines ambitionierten Vorhabens ist auch dem Dilemma geschuldet, eine internationale Organisation zu begründen, die ideologisch auf dem exklusiven Nationalismus und der absoluten Superiorität der Nation beruht. Diesen Widerspruch konnte Pabst nicht auflösen, und so setzte er nach seiner Rückkehr nach Deutschland dann konsequent auf die nationale Karte. Direkt nach Bildung der Harzburger Front im Oktober 1931 formte er seine Planungen für eine „Weiße Internationale“ nun in die im Dezember 1931 gegründete GSF um und verzichtete fortan bewusst auf den Begriff „Weiße Internationale“. Mit der Einbindung von Giuseppe Renzetti, Mussolinis inoffiziellem Kontaktmann zur deutschen Rechten, war aber der internationale Ansatz durchaus noch präsent. Er plante sogar einen Ableger der Studiengesellschaft in Österreich.

Mit dem Machtantritt des Nationalsozialismus agierte Pabst "nur noch" als Waffen-Lobbyist. Während der "Röhm-Affäre" war er einige Wochen in Haft. War Pabst ein Kritiker des Nationalsozialismus von rechts, den die Nazis als Konkurrent ansahen?

Pabst verlor zwar nach dem 30. Januar 1933 rapide an Einfluss, zumindest im politischen Bereich. Er selber aber war zunächst vom Gegenteil überzeugt, er dachte, nun sei die Stunde seiner GSF gekommen. Mit einem im März 1933 eingesetzten Aktionsausschuss wollte Pabst die Studiengesellschaft als faschistischen „think tank“ für die Beratung der neuen Regierung in Wirtschaftsfragen etablieren. Damit scheiterte er aber auf ganzer Linie, denn sehr schnell wurde deutlich, dass die neuen Machthaber ihre eigenen Vorstellungen von der Umgestaltung Deutschlands hatten. Auch innerhalb der GSF bestimmten nun eindeutig die NSDAP-Mitglieder deren Ausrichtung und trieben gezielt die Kontrolle und Entpolitisierung der Studiengesellschaft voran.

Denn die NSDAP-Führung verweigerte sich den beiden wichtigsten Merkmalen, welche die Besonderheit der GSF ausmachten, nämlich dem Bezug auf eine ideologische Führerschaft Mussolinis und den Ansätzen eines universal verstandenen Faschismus. Daher waren die Nationalsozialisten und auch die zahlreichen Überläufer aus dem rechtsnationalistischen Lager schon bald überzeugt, dass die Studiengesellschaft nun komplett auszuschalten sei. So erlebte die GSF, wie sie durch ein Regime entmachtet und aufgelöst wurde, dessen Entstehung sie selbst mit aller Macht betrieben hatte.
Als einen Kritiker des Nationalsozialismus sollte man Pabst also nicht bezeichnen, es sind eher graduelle Unterschiede im Ansatz und in der Zielsetzung. Pabst war als Absolvent der Kadettenschule in Lichterfelde und als kaiserlicher Offizier so fixiert auf das Prinzip des Kadergehorsams, dass er dem Phänomen einer Massenbewegung eher verständnislos gegenüberstand. Er sah zwar durchaus deren Potenzial, konnte oder wollte sie aber nur als Hilfstruppe ansehen. Für Pabst waren die Führungseigenschaften einer Elite und die militärische Durchsetzungskraft bewaffneter Verbände die entscheidenden Faktoren für die Durchsetzung seiner politischen Ziele.

Das Leben der GSF war vergleichweise kurz. Fanden Aspekte, die in der GSF diskutiert wurden später Eingang in die politische Praxis des NS-Systems?

Die GSF war tatsächlich eine kurzlebige Erscheinung, was sicher einer der wichtigsten Gründe ist, warum sie keine direkte politische Bedeutung erlangen konnte: Sie wurde da in gewisser Weise von der aus ihrer Sicht erfolgreichen politischen Entwicklung überrollt. Damit war die Funktion der GSF als oppositionelles Netzwerk auf einen Schlag hinfällig geworden, und andere Einflussmöglichkeiten fehlten ihr nun, wie etwa eigene Publikationsmöglichkeiten.

Wichtiger aber erscheint mir, dass die Mehrheit der Mitglieder die politische Aufgabe der GSF als erfüllt ansah. Wenn man sieht, wie viele ihrer Vertreter direkt 1933 in höchste Führungspositionen aufrückten, wird verständlich, warum sie auf das durchaus illustre Netzwerk der GSF verzichten konnten. Die Mitglieder aus Wirtschaft, Medien und der Interessenverbände konnten auf die GSF ebenfalls verzichten, da sie ihre Ansprechpartner nun direkt in der Regierung hatten.

Auf der anderen Seite ist die Kurzlebigkeit der GSF aber keineswegs schon ein Zeichen geringer historischer Relevanz. Denn über die eben genannte biographische Schiene fanden viele Ideen und Vorstellungen auch indirekten Eingang in das NS-Regime.

Allerdings wurde die eigentliche Grundidee der Studiengesellschaft durch die Nationalsozialisten sehr schnell verdrängt. Die historische Bedeutung der GSF bezieht sich also vorrangig auf den 30. Januar 1933: Mit ihrer Einbindung der Nationalsozialisten in die antidemokratische Opposition hat sie die Akzeptanz des NS sowohl bei den führenden Vertretern der Groß- und Agrarindustrie als auch bei den Berufsoffizieren und Wehrverbänden befördert und mit der Orientierung am italienischen Vorbild jenes philofaschistische Klima in Deutschland mitgestaltet, das die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler einer Koalitionsregierung ermöglichte. Sie ist damit eindeutig als Wegbereiterin der NS-Diktatur zu sehen. 
 


Dr. Manfred Wichmann
Kurator Sammlungen und Archiv der Stiftung Berliner Mauer

•  Geboren 1971 in Rotenburg/Wümme
•  Studium der Geschichte, Politologie und Kommunikationswissenschaften an der Georg-August-Universität Göttingen, an der Universität La Sapienza Rom und an der Humboldt-Universität sowie der Freien Universität Berlin.
•  Promotion an der Freien Universität Berlin bei Prof. Dr. Wolfgang Wippermann, Dissertation: „Die Gesellschaft zum Studium des Faschismus (1931—1934)“.

Berufslaufbahn
•  1998 bis 2000: Autor und Gestalter beim Internetprojekt „Lebendiges Museum Online (LeMO)“ am Deutschen Historischen Museum
•  2002 bis 2012: Archivar und stellv. Archivleiter am Jüdischen Museum Berlin
•  2008 bis 2010: Projektleiter und Kurator der Dauerausstellung „Jüdisches Leben in Rotenburg“ in der Kulturwerkstatt Cohn-Scheune in Rotenburg
•  Seit 2012: Kurator Sammlungen und Archiv der Stiftung Berliner Mauer

Forschungsschwerpunkte
•  Ideen- und Organisationsgeschichte des Konservativismus
•  Beziehungen zwischen der deutschen Rechten und dem italienischen Faschismus
•  Jüdische Familien-, Alltags- und Sportgeschichte
•  Mediale Geschichtsdidaktik und Archivpädagogik in Museen/Gedenkstätten