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Faschismus als „offene Diktatur des Kapitals“?

Einleitung

Steht hinter dem Faschismus das Kapital? Zur Rolle der Wirtschaft am Aufstieg des Nationalsozialismus

Kirdorf Hitler
(Bild: Screenshot YouTube/@melliwinkler5795, Deutschen Wochenschau in „Die stählerne Zeit“)

8. April 1937: Emil Kirdorf feiert seinen 90. Geburtstages mit Adolf Hitler.

Der bulgarische Kommunist Georgi Dimitroff formulierte 1935 auf dem VII. Weltkongress der „Kommunistischen Internationale“ die berühmt gewordene Definition des Faschismus: Er sei „die offene terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“. Damit wurde Faschismus nicht nur als autoritäre Bewegung, sondern als spezifische Herrschaftsform des Kapitals gedeutet. Nach dieser These war der Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland nicht in erster Linie ein Resultat von Adolf Hitlers Charisma oder der gesellschaftlichen Krisenstimmung, sondern vor allem ein gezieltes Projekt der Großbourgeoisie, die in der NSDAP ein Werkzeug zur Zerschlagung der Arbeiterbewegung sah. Die These war analytisch scharf und mobilisierend, doch sie ist bis heute umstritten, in Teilen nachweislich falsch.

Unternehmerunterstützung vor 1933: begrenzt, aber vorhanden

Die NSDAP war in den frühen 1920er-Jahren eine Randpartei mit begrenzten Ressourcen. Ihre Hauptfinanzierung beruhte zunächst auf Mitgliedsbeiträgen, Spenden aus dem Kleinbürgertum und dem Verkauf des „Völkischen Beobachters“ oder SA-­Zigaretten. Zwar gab es einzelne wohlhabende Gönner, wie den Münchener Industriellen Fritz Thyssen, der Hitler ab 1923 mit erheblichen Summen unterstützte, oder die Besitzer der Klavier-Firma Bechstein, doch die ganz große Kapitallobby hielt sich lange zurück. 

Viele Schwerindustrielle standen der NSDAP skeptisch gegenüber. Sie fürchteten Hitlers antibürgerliche Rhetorik und seine Nähe zu plebejischen Massenbewegungen. Vor allem bis 1929 galt die Partei den meisten Unternehmern als politisch unberechenbar. Stattdessen setzten viele auf die konservative DNVP oder auf autoritäre Präsidialregierungen unter Hindenburg.

Dennoch gab es ab Ende der 1920er-­Jahre eine zunehmende Annäherung. Besonders in der Ruhrindustrie, bei Firmen wie Vereinigte Stahlwerke, fanden Teile des Managements Gefallen an Hitlers radikalem Antikommunismus. Fritz Thyssen und Emil Kirdorf (langjähriger Direktor des Gelsenkirchener Bergwerksvereins) gehören zu den frühen Unterstützern. Kirdorf organisierte bereits 1927 ein Treffen Hitlers mit führenden Ruhrindustriellen, trat im selben Jahr in die NSDAP ein und unterstützte sowohl die Partei als auch Hitler finanziell.

Ein weiteres markantes Beispiel ist das geheime Treffen Hitlers mit 25 führenden Industriellen am 20. Februar 1933 im Berliner Reichstagspräsidentenpalais, vermittelt von Hjalmar Schacht. Hier sicherten Unternehmen wie IG Farben, Krupp und Siemens Wahlkampfgelder für die NSDAP zu. In seiner Rede vor rund 25 Spitzen–industriellen versprach Hitler, Privateigentum und Unternehmertum zu schützen, den Marxismus endgültig zu vernichten und Deutschland militärisch wieder stark zu machen. Das überzeugte viele Skeptiker. In der Folge wurden drei Millionen Reichsmark an die „Nationale Wahlkampfkasse“ überwiesen.

Der Historiker Adam Tooze urteilte über dieses Treffen, dass dieses „zu den berüchtigtsten Beispielen für die Bereitschaft des deutschen Großunternehmertums, Hitler bei der Aufstellung seines diktatorischen Regimes beizustehen“ gelte. Aber: Diese Gelder flossen zu einem Zeitpunkt, als Hitler bereits durch Wahlerfolge und die Ernennung als Reichskanzler an der Macht war – nicht bereits in den Jahren des Aufstiegs.

Wer förderte und wer nicht?

Zu den Firmen und Unternehmern, die Hitler und die NSDAP vor 1933 direkt unterstützten, zählen: Fritz Thyssen, er unterstützte die Partei finanziell ab Mitte der 1920er-Jahre. Emil Kirdorf, früher Fürsprecher, auch wenn er später wieder auf Distanz ging. Hjalmar Schacht (kein Industrieller, aber enger Mittelsmann zwischen Wirtschaft und Hitler). Teile von IG Farben und Vereinigte Stahlwerke, vor allem ab 1932/33.

Viele andere Unternehmen blieben zunächst auf Distanz oder unterstützten alternative Kräfte: Siemens und AEG setzten bis 1932 eher auf konservative Parteien und den Erhalt der bestehenden Ordnung. Deutsche Bank und Dresdner Bank finanzierten verschiedene Parteien, hielten aber Distanz zur NSDAP bis kurz vor der Machtübertragung. Gustav Krupp zeigte sich ambivalent: Er unterstützte Hitler zwar nicht in den frühen Jahren, schwenkte dann ab 1933 schnell ein und profitierte massiv nach 1933. Es wäre also verkürzt zu sagen, „das Kapital“ habe Hitler geschlossen an die Macht gebracht. Vielmehr gab es ein Nebeneinander von Skepsis, Abwarten und Unterstützung. Erst im Krisenjahr 1932, als den Wirtschaftseliten eine politische Alternative zunehmend aussichtslos schien, kam es zu einer breiteren Annäherung.

Die Wirtschaft nach 1933: Gewinner des Regimes

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 änderten sich die Verhältnisse radikal. Binnen weniger Monate zerschlug das Regime die Gewerkschaften, verbot Streiks und sicherte der Wirtschaft eine „Arbeitsfrieden“-Ordnung - ein zentraler Gewinn für die Industrie.

Zugleich profitierte die Wirtschaft vom gigantischen Aufrüstungsprogramm. Firmen wie IG Farben, Krupp, Messerschmitt, BMW und Daimler-Benz erhielten lukrative Staatsaufträge für Waffenproduktion, Flugzeuge und Motoren. IG Farben wurde zum größten Chemiekonzern Europas und spielte eine Schlüsselrolle bei der Herstellung von synthetischem Benzin und Kautschuk – entscheidend für die Kriegswirtschaft.

Auch die Banken profitierten: Die Dresdner Bank und die Deutsche Bank waren eng in Rüstungsfinanzierung und „Arisierung“ jüdischer Unternehmen eingebunden.

Besonders berüchtigt ist die Rolle vieler Firmen bei der Ausbeutung von Zwangsarbeitern. Ab 1942 setzten nahezu alle großen Konzerne – von Siemens über Bayer bis zu Volkswagen – Hunderttausende ausländische Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge ein. IG Farben betrieb sogar ein eigenes Werk im KZ Auschwitz-Monowitz. Aber auch Kleinst- und Familienbetriebe konnten durch die Zwangsarbeit profitieren. Der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Kuczynski errechnete 1999, dass Deutschland allein den NS-Zwangsarbeiter*innen 180 Milliarden DM schulde - nämlich den ihnen vorenthaltenen Lohn.

Fazit: Eine differenzierte Bilanz

Die Frage, ob „das Kapital“ hinter dem Faschismus stand, lässt sich weder mit einem einfachen Ja noch mit einem klaren Nein beantworten. Die Dimitroff-These hat insofern ihre Berechtigung, als große Teile der Wirtschaft ab 1933 zu den eindeutigen Gewinnern der NS-Diktatur zählten: Sie profitierten von der Zerschlagung der Arbeiterbewegung, von Aufrüstung, Krieg und Zwangsarbeit in einem bis dahin ungekanntem Ausmaß. Ohne diese Unterstützung wäre die nationalsozialistische Kriegs- und Vernichtungspolitik kaum in dieser Form möglich gewesen.

Gleichzeitig zeigt die historische Forschung, dass der Weg zur Machtübertragung an Hitler keineswegs von Beginn an ein Projekt der Großindustrie war. Viele Unternehmer standen der Demokratie aber auch der NSDAP lange skeptisch gegenüber und unterstützten die Nazis erst, als andere Optionen – Monarchisten, DNVP, Präsidialkabinette – gescheitert waren.

Es gab frühe Förderer wie Thyssen und Kirdorf, aber auch viele Zauderer und Gegner.
Am Ende war es eine Gemengelage aus autoritären Politikern, konservativen Eliten, einer breiten Massenbasis in Wahlen und dann zunehmend auch Unternehmern, die Hitler die Kanzlerschaft ermöglichten. Die NS-Diktatur wurde damit nicht einfach „vom Kapital gemacht“, aber sie wurde nach 1933 in hohem Maße von großen Teilen der Wirtschaft getragen und genutzt.