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Nie wieder still gegen Queerfeindlichkeit

Autorinnenkollektiv Feministische Intervention (AK FE.IN)
Einleitung

Eine quantitative Auswertung der CSDs und der rechten Mobilisierung ist derzeit verfrüht. Aber vielleicht sind die Zahlen angesichts der aktuellen Entwicklungen auch nicht das Wichtigste, denn schon jetzt ist sichtbar, dass es um nahezu alle CSDs herum Geschichten gibt von Angriffen und Sachbeschädigungen, von Solidarisierung und Entsolidarisierung, von Hasskommentaren in Lokalzeitungen, von Anfeindungen gegen Kirchen und lokale Politiker*innen, die an CSDs teilnehmen. Und es gab viele Mobilisierungen zu Neonaziaufmärschen anlässlich von CSDs. Vieles ist anders dieses Jahr, einiges ist gleich geblieben. Ein Zwischenfazit.

Anti CSD Demo
(Foto: Presseservice Rathenow)

Am 5. Juli 2025 marschierten rund 60 Neonazis von „Chemnitz Revolte“, „Jung und Stark“ und DJV durch das brandenburgische Falkensee. Zum CSD unter dem Motto „Vielfalt vereint“ kamen über 1.000 Menschen.

Wie ist die Stimmung?

Die allgemeine Stimmung der queeren und der queersolidarischen antifaschistischen Szene ist besorgt, aber kämpferisch. Grund­annahme ist, dass es keine störungsfreien CSDs gibt. Gleichzeitig ist das Motto vieler CSDs „Nie wieder still“ – der Angriff auf die queere Sicht- und Hörbarkeit wird also mit einer klaren Kampfansage beantwortet. Vor allem gibt es eine Solidaritätswelle, aus Großstädten ins Umland, über Generationsgrenzen und politische Differenzen hinweg.

Die Erlebnisse aus dem letzten Jahr (2024) und die massive Online-Präsenz von Hass und Hetze haben ein Klima der Angst und Vorsicht bei vielen Pride-Teilnehmenden geschaffen. Organisator*innen und Anreisende machen sich Gedanken um Schutzkonzepte und treffen Vorsichtsmaßnahmen. Leute stellen sich mental und faktisch auf körperliche Auseinandersetzungen ein: Das ist eine ziemliche Verschärfung der Lage im Vergleich zu früheren Jahren.

Alte Neonazikampagnen, neue Aufmerksamkeit

Ermuntert von medialer Aufmerksamkeit und Mobilisierungserfolgen im letzten Jahr, haben Neonazis die Online-Mobilisierung hochgefahren und ihre Anti-CSD-­Propaganda professionalisiert. Das verwendete Material zeigt, dass Queerfeindlichkeit kein neues Phänomen in der extremen Rechten ist und dass die „Jungnazis“, die derzeit so viel Aufmerksamkeit bekommen, die Kampagnen nicht erfunden haben: Lange nahezu vergessen geglaubte Neonazi-Kleinstparteien, besonders die „Jungen Nationalisten“ (JN), Jugendorganisation der Partei „Die Heimat“ (ehemals NPD), und „Der III. Weg“, produzieren und vermarkten die Vorlagen, die teils schon einige Jahre alt sind. Die jüngeren und oft neu gegründeten Neonazigruppen nehmen diese auf und passen sie gegebenenfalls lokal an.

Oft verbreitet wird derzeit der JN-Sticker bzw. der Schriftzug „Familie, Heimat & Nation statt CSD!“ 2024 hatte die JN noch „Familie, Heimat und Nation, nieder mit der Perversion“ weniger erfolgreich benutzt. In der aktuellen Variante erinnert die Schrifttype des zweiten, regenbogenfarbenen Teils des Slogans an Ivrit, die Buchstaben des modernen hebräischen Alphabets. Hier werden, ebenso wie bei dem im gleichen Versandhandel erhältlichen Sticker „Aus Anne wird Frank, das ist doch krank! Gegen den Genderwahnsinn“, Queerfeindlichkeit und Antisemitismus vereinigt, und das schon seit mindestens 2021.1 Auch die Kampagne „Homopropaganda stoppen“ der Kleinstpartei „Der III. Weg“ gibt es seit 2019, dieselben Motive und Banner finden seit über sechs Jahren Verwendung.

Während im letzten Jahr die Neonazi-Mobi­lisierungen und die dort gerufenen Parolen, die mitgebrachten Schilder, Fahnen und Transpis vor Ort kaum CSD-spezifisch waren, hat die Zusammenarbeit zwischen etablierten extrem rechten Parteien und „Jungnazis“ diesbezüglich zu einer gewissen Professionalisierung geführt. Dieselben Parolen werden sowohl für die Online-Mobi­lisierung als auch vor Ort genutzt: „Unsere Stadt bleibt hetero“ (lol), einiges über vermeintlichen Kinderschutz und die Parole „Es gibt nur zwei Geschlechter“.

JN und „Die Heimat“ verzeichnen in diesem Jahr (2025) durch die Anti-CSD-Mobilisierungen neue Erfolge. Die mediale Aufmerksamkeit liegt auf den „neuartigen“, jungen "Active Club"- und „Revolte“-­Gruppen, aber einige der Mobilisierungen werden durch etablierte Kader bespielt. 

So waren die lange bekannten NPD-, jetzt Heimat-Kader Mark Proch, Karin Mundt und Marc-Richard Tenten federführend bei der Kundgebung in Neumünster am 5. Juli 2025, während nur wenige Jüngere teilnahmen.2 Auch in Fulda am 12. Juli 2025 waren „Die Heimat“ und JN die zentralen Triebfedern der Anti-CSD­-Kund­ge­bung, unter anderem war „Heimat“-­Bundes­vorsitzender Peter Schreiber anwesend. Mobilisiert hatte, wie zuvor am 14. Juni 2025 gegen den CSD in Wetzlar, unter dem Label „Löwenjugend“ ein altbekannter Kader der „Heimat“ / NPD / JN, dessen Großeltern und Eltern schon NPD-Funktionäre waren.3

Die bisher größte Anti-CSD-Veranstaltung fand unter dem Motto „Gegen Genderwahn“ am 10. August 2025 in Bautzen (Sachsen) mit 450 Teilnehmenden statt. Damit blieb die Mobilisierung hinter den Zahlen von 2024 (mit 720 Leuten) zurück, während am CSD 4.300 Personen teilnahmen. Neben „Heimat“, JN und „Elblandrevolte“ waren auch die „Kampfbrigade Berlin“, „Jung & Stark“ (JS) und „Deutsche Jugend Voran“ (DJV) aus Berlin, Brandenburg und Sachsen anwesend. Auf der Rückfahrt nach Berlin bedrohten Neonazis CSD-Teilnehmende und griffen zwei Journalist*innen am Berliner Bahnhof Ostkreuz an. Am Bahnhof Alexanderplatz warteten solidarische Antifas, sodass es dort nicht zu Übergriffen kam. 

Zuvor war am 31. Mai 2025 der JN-nahen „Elblandrevolte“ in Dresden mit lediglich 150 Teilnehmenden die zweitgrößte Neonazimobilisierung bisher gelungen. Dieser Aufmarsch konnte zudem durch 150 queer-antifaschistische Gegendemonstrierende nur verzögert und verkürzt laufen, während über 10.000 Queers ungestört den Dresdner CSD zelebrierten.4

Ebenfalls etwa 120 Teilnehmende konnten „Elblandrevolte“, JN und die extrem rechten „Freien Sachsen“ am 12. Juli 2025 in Pirna mobilisieren.5 Dort war das Kräfteverhältnis mit nur 600 CSD-­Teilnehmenden wesentlich gefährlicher.

In Brandenburg treten im Kontext von Anti-CSD-Mobilisierungen vor allem die Gruppen „Jung & Stark“ (JS) und „Deutsche Jugend Voran“ (DJV) in Erscheinung. Personen aus der DJV meldeten mehrmals Kundgebungen bzw. „Demonstrationen“ im Umfeld von CSDs an. DJV-Wortführer Julian Milz war in dieser Saison bereits bei mehr CSDs, als die meisten Queers: Obwohl bereits rechtskräftig verurteilt, verbringt er die Zeit vor Haftantritt als Einheizer am Megaphon mit Parolen wie „HIV, hilf uns doch – Schwule gibt es immer noch“. Milz war laut Augenzeug*innen auch unter den pöbelnden Neonazis auf der Rückfahrt von Bautzen.

In Pforzheim waren auf dem Neonaziaufmarsch gegen den CSD, mobilisiert durch die freie hooligannahe Struktur „Der Störtrupp Süd“ und infrastrukturell unterstützt durch „Die Heimat“ Thüringen, 90 Teilnehmende. Sie sahen sich einer aktiven antifaschistischen Gegenwehr gegenüber und konnten den CSD daher nicht stören.6

Insgesamt waren die Straßenmobilisierungen der Neonazis, im Vergleich zur massiven Online-Mobilisierung, ziemlich läppisch. Mehr als 50 Personen kamen selten zusammen, oft deutlich weniger. Auch sind die Personen, die dann tatsächlich bei Neonazi-Demonstrationen auftauchen, eher weniger durch reine Online-Mobilisierung dazu gekommen. Vielmehr zeigen die noch spärlich vorliegenden Analysen der Zusammensetzung der Versammlungen, dass etablierte Kader zusammen mit jüngeren Neonazis demonstrieren. Aus der Verbreitung von Mobilisierungsvideos ist keinesfalls direkt auf die Straßenmobilisierung zu schließen. Nichtsdestotrotz tragen martialische "Mobivideos" wie das der „Elbjugend“ (im Vorfeld des CSD Magdeburg), in dem mit schwarz-weiß-roten Sturmhauben Vermummte Pyros zünden und Quarzsandhandschuhe anlegen, zum Bedrohungsgefühl bei und erhöhen vermutlich die Gewaltbereitschaft einzelner auch auf der Straße.

Als weiterer Akteur mobilisierten auch 2025 christliche Fundamentalist*innen verschiedener Konfessionen gegen CSDs. In Potsdam und München demonstrierten jeweils neun Anhänger ultrakatholischer Gruppen gegen den CSD, in Pforzheim mobilisierten Baptisten. In Hamburg machte eine missionarisch-evangelikale Gruppe eine Kundgebung in unmittelbarer Nähe der Pride.

Was macht die AfD?

2024 hielt sich die AfD mit der Anmeldung von Veranstaltungen gegen CSDs weitgehend zurück. In diesem Jahr – ermutigt vom allgemein queerfeindlichen Klima und sich an erfolgreiche Neonazi-­Mobilisierungen heranwanzend – sind Vertreter*innen der extrem rechten Partei deutlich aktiver. In vielen Städten melden sie „Infostände“ an, die in den sozialen Medien als direkte Gegenaktion gegen CSDs gelabelt werden. Vereinzelt unterstützen sie die Mobilisierungen gegen CSDs. Ein Beispiel: Der AfD-Bundestagsabgeordnete Christoph Drößler postete anlässlich einer Störaktion zum CSD in Nordhausen (Thüringen): „Nein zum CSD in Nordhausen! […] Die Regenbogenflagge steht damit für Fremdbestimmung und unserem Volk eigentlich fremde Werte. Diese von globalistischen Kapitalkräften finanzierte Dekadenzpropaganda untergräbt unsere nationale Substanz und ist hintergründig ein werteimperialistisches Instrument der Besatzer.“ In Nordhausen pöbelten dann ein oder zwei Dutzend Rechte ohne Anmeldung mit einem Transparent der „Heimat“ am Rande des CSD-Zugs.

Die AfD Würzburg veranstaltete am Vorabend des dortigen CSD einen Infostand unter dem Motto „Stolz statt Pride“, an diesem nahmen auch etwa zehn Personen der „Revolte Franken“ teil. In Ronnenberg (Niedersachsen) bewirkte die AfD mit einem Antrag, dass der CSD von einem Schulgelände auf den Marktplatz umziehen musste – ihr Argument war der auch in der Ferienzeit angeblich notwendige Schutz der Jugend. Letztlich sorgte der parlamentarische Angriff aber für Aufmerksamkeit, sodass angenommen werden musste, dass wesentlich mehr solidarische Menschen ihren Weg nach Ronnenberg finden würden und das Schulgelände schlicht zu klein wäre.

Die AfD reitet auch weiterhin mit der 2023 erfundenen Kampagne „Stolzmonat“ auf der queerfeindlichen Welle. Als extrem rechte Antwort auf den Pride Month Juni, produziert er nicht nur eine Unmenge peinlichster Online-Memes, sondern wurde 2025 von der AfD Koblenz auch zum Anlass genommen, eine Auftaktkundgebung am 31. Mai 2025 im Stadtteil Stolzenfels zu organisieren. Die Fahne des „Stolzmonats“, eine schwarz-rot-gelbe Fahne in Farbabstufungen, die an die Regenbogenflagge erinnern soll, wird bei rechten Mobilisierungen gegen CSDs gerne benutzt. Lena Kotré, die für die AfD im Brandenburger Landtag sitzt, nahm nicht nur an dem Treffen teil, sondern verkündete am 1. Juli  2025 auch auf X: „Der Stolzmonat 2025 ist vorbei. Wir haben gewonnen.“

„Störungen“ – das neue Normal

Auch wenn die rechten Straßenmobilisierung bisher eher wenig Erfolg zeigen, laufen nahezu alle CSDs nur mit Störungen und Angriffen im Vor-, Um- oder Nachfeld ab. Die Täter dieser verbalen oder gewalttätigen Angriffe und Störungen sind meist männlich, aber inwieweit sie der organisierten (extremen) Rechten zuzuordnen sind, ist oft nicht festzustellen.

Auch 2025 wurde von vielen zerstörten Regenbogenflaggen berichtet – wie zum Beispiel in Flensburg am 16. Mai 2025, wo zwei Banner von einer Eisenbahnbrücke entfernt wurden. Sogenannte „Pöbeleien“ scheinen weiterhin omnipräsent, auch „Hitlergrüße“ in Richtung des CSD oder am Rande der Demonstration gab es öfter. In Thüringen berichten CSD-Teilnehmende und Organisator*innen, dass bei jedem CSD dunkel gekleidete Personen am Rand stehen, filmen und fotografieren, oft mit neonazi-­szenetypischen Shirts.7 Und auch von körperlichen Angriffen wird berichtet: In Esslingen versuchte eine Person mit einer Softair-Pistole auf die Demonstration zu schießen. In Duisburg warf ein Mann eine Bierflasche auf einen CSD-Ordner.

Viele „Störungen“ fanden aber nicht bei den CSDs selbst, sondern im Vorfeld statt: In Rostock bedrohten und beleidigten zwei Personen die Teilnehmenden einer Gedenk­veranstaltung für queere Opfer des Nationalsozialismus, die vor dem CSD stattfand. In Wernigerode hängten Unbekannte ein selbst gesprühtes Transparent „Kein CSD im Harz“ an einer Brücke auf, sprühten und stickerten entlang der Demonstrationsroute queerfeindliche Propaganda, alles in der Nacht vor dem CSD. Im ostfriesischen Leer wurde in der Innenstadt ein CSD-Werbeplakat zerschnitten.

Der heftigste Angriff bisher geschah in Bad Freienwalde in Brandenburg, wo zwölf Täter keinen CSD, sondern ein Fest des Bündnisses „Bad Freienwalde ist bunt“ angriffen und vier Teilnehmende verletzten. Die Täter, soweit bekannt, stammen aus dem Umfeld der „Nationalrevolutionären Jugend“ (NRJ), der Jugendorganisation von „Der III. Weg“.8

Konservative (Ent-)Solidarisierung

Die Organisator*innen des CSD Karlsruhe machten es in einem recht dramatischen Schritt deutlich: Da sie die CDU derzeit als queerfeindliche Organisation ansehen, schlossen sie auch den Landesverband der „Lesben und Schwulen in der Union“ (LSU) aus. Auseinandersetzungen um die Teilnahme des LSU an Prides hatte es auch in Bayern schon seit Jahren gegeben. Die Themen: Bayerns Genderverbot, konservative Proteste gegen Drag Queen-Lesungen, dann die Ankündigung, das Selbstbestimmungsgesetz „reformieren“ zu wollen.
Bundesweit trugen kürzlich vor allem Friedrich Merz und Julia Klöckner zum queerfeindlichen Profil der Partei bei. Klöckner untersagte Regenbogenfahnen auf dem Bundestag und die Teilnahme der queeren Gruppe der Bundestagsverwaltung am Berliner CSD. Merz verteidigte Klöckner und sprach davon, dass der Bundestag kein „Zirkuszelt“ sei.

Auch nach dem Angriff auf das Fest in Bad Freienwalde empörte der (damalige) örtliche CDU-­Bürgermeister Ralf Lehmann mit einer Entsolidarisierung, indem er behauptete, es habe sich nicht um einen Angriff, sondern lediglich um eine „Störung“ gehandelt.

Umso positiver hoben etwa Organisator*innen des CSD in Fulda ein Statement des Bistums hervor. Darin äußert sich Generalvikar Dr. Martin Stanke: „[…] Allen, die am CSD teilnehmen, wünschen wir einen kraftvollen und friedlichen Tag – getragen von dem gemeinsamen Wunsch nach einer Welt, in der alle Menschen ihren Platz finden dürfen“. Diese Stellungnahme blieb im lokalen Klerus nicht unwidersprochen, in den Kirchen toben die Deutungskämpfe um Geschlecht, Sexualität und körperliche Selbstbestimmung so hart wie lange nicht mehr.

Fazit: Verschiebung der Kampflinien

CSDs sind spätestens seit 2024 zum vermutlich wichtigsten Knotenpunkt des (extrem) rechten Kulturkampfs geworden. Gewaltaffine „Jungnazis“, lange erfolglose Neonazi-Altkader, Evangelikale und katholische Fundis, irgendwelche Dudes am Straßenrand und Teile der CDU haben einen gemeinsamen Feind gefunden: queere Menschen und deren Rechte. 

Bei den „Jungnazis“ ist offensichtlich, dass dieser Feind für sie synonym ist mit einer offenen Gesellschaft, die sich gegen den Rechtsruck und für Menschenrechte auch für Minderheiten einsetzt. Die Vermischung der Angriffsziele 'queere Menschen – Antirassismus – demokratische Zivilgesellschaft‘, wie sie in den rechten Demonstrationen und Mobilisierungen formuliert wird, sollte auch diejenigen stutzig machen, die mit CSDs wenig anfangen können.

Die Neonazimobilisierungen sind deutlich weniger groß als letztes Jahr. Dennoch hat sich etwas Grundlegendes verändert, und darin liegt ihr Erfolg: CSDs erscheinen nicht mehr selbstverständlich. Der vermeintlich dazugehörende, als „Gegendemonstration“ bezeichnete Neonaziaufmarsch wird hingenommen, die Gewaltandrohung als so erwartbar wahrgenommen, dass Medien von „störungsfreien“ Veranstaltungen berichten, wenn die CSDs selbst ohne direkte Angriffe aus den Neonazidemonstrationen heraus ablaufen. Das verschleiert jedoch: Bedrohungen und Angriffe gegen Organisator*innen und Teilnehmende – im Vorfeld und bei An- und Abreise – und unorganisierte Pöbeleien am Rand sind weitgehend normalisiert.

Auch wenn in diesem Jahr eine große Zahl von Neonazimobilisierungen viel Online-Wind um nichts waren, kann es weder für den Rest der Saison 2025 noch für die kommenden Jahre Entwarnung geben: Die massenhaften dezentralen Mobilisierungen in alle kleinen Orte sind gefloppt, aber die Neonazis haben dabei Strukturen und Erfahrungen geschaffen, die sich vermutlich in einigen größeren konzertierten Aktionen im nächsten Jahr entladen werden.

Problematisiert werden müssen die „Jungnazis“, die seit 2024 körperliche Angriffe am Rand von CSDs als eine angemessene Form der politischen Sozialisierung und Wochenendaktivität ansehen. Aber auch das riesige Umfeld muss benannt werden, das diese Konfrontationen möglich macht, sie mitmacht und duldet: vom konservativen Kulturkampf auf dem Bundestags­-„Zirkuszelt“ bis hin zu den ganz normalen Leuten – meistens Männer –, die Bierflaschen auf CSDs werfen und Regenbogenflaggen abreißen.

Mit ihnen schwindet die politische Bereitschaft, CSDs zu ermöglichen und zu schützen. Für die AfD ist dieser Kulturkampf eigener Erfolg und zugeflogenes Geschenk gleichermaßen: Während ihr strukturelles Zutun zu den neonazistischen Straßenmobilisierungen gegen Null geht, passt das zunehmende öffentliche und behördliche Infragestellen queerer Sichtbarkeit und Sicherheit ganz in ihre im Juli 2025 geleakte Strategie für den Weg in die Regierungsverantwortung: Sie will die CDU und andere konservative Akteure, unter anderem anhand von Geschlechterthemen, in einen unüberbrückbaren Gegensatz zu allen anderen demokratischen Akteuren bringen und damit eine Koalition mit der AfD notwendig machen. 

Dass Konservative das Hissen von Regenbogenflaggen ablehnen und CSDs behindern, weil sie queere Rechte lediglich als Partikularinteressen einer nervigen Minderheit behandeln, ist eine dieser Trennlinien, anhand derer sich auch das konservative Milieu positionieren muss – bisher viel zu oft im Sinne der (extremen) Rechten.

Gleichzeitig sind die CSDs selbst nicht in der Defensive, sondern in der Offensive: Es gibt wieder ein bis zwei Dutzend CSDs mehr als im Vorjahr, auch in den ländlichen Regionen wollen Queers auf die Straße, jetzt erst recht. Viele Mottos sind politischer, Reden sagen dem Aufschwung der extremen Rechten den Kampf an. Außerdem erfahren CSDs zwischen Bayern und Schleswig-Holstein, Sachsen und NRW eine Welle der Solidarität und Vernetzung. Gegenläufig zu Distanzierungen, zum heimlichen Beifall oder zum Wegschauen in großen Teilen des konservativen Milieus.

(Für Monitoring und Auswertung der Pride-Saison 2025 hat sich das Autor*innenkollektiv Feministische Intervention auf derzeit sieben Personen aus unterschiedlichen Regionen und Zusammenhängen vergrößert. Darüber hinaus sind auch in diesen Artikel Einschätzungen und Erfahrungen eingeflossen, die wir auf verschiedenen antifaschistischen Infoveranstaltungen, Vernetzungstreffen und Veranstaltungen rund um CSDs und Prides ausgetauscht haben, vielen Dank! Wir danken den Pride- und Solibündnissen, den antifaschistischen und queerfeministischen Recherche- und Publikationsstrukturen, NSU-Watch und den Fotograf*innen für ihre unermüdliche Arbeit. Für Korrekturen, Anmerkungen, Fragen und Austausch sind wir erreichbar unter ak_fein [at] riseup.net (ak_fein[at]riseup[dot]net). Eine erste, längere Version dieses Beitrags erschien im August 2025 auf nsu-watch.info.)