"Political Network for Values" - das High-End-Netzwerk der christlichen Werte
Research Against Global Authoritarianism (ReGA)Das „Political Network for Values“ (PNfV) ist eine Art Goldstandard unter den internationalen Netzwerken der extremen Rechten. Es ist ein religiös, vor allem christlich geprägtes Netzwerk hochkarätiger Persönlichkeiten aus der Politik und teils hochrangiger Regierungsvertreter:innen aus den USA, Lateinamerika, Europa und Afrika. Diese treffen sich regelmäßig zu kleineren und größeren Events, die als „Regional Summits“ oder „Transatlantic Summits“ bezeichnet werden. Finanzstarke Sponsoren und Stiftungen, aber auch Regierungen, Parteien oder Parlamentsfraktionen finanzieren diese Gipfel und fördern damit die Vernetzung extrem konservativer Akteure und die Ausbildung von deren Nachwuchseliten. In der Öffentlichkeit ist das PNfV vergleichsweise wenig bekannt, seine Bedeutung wird meist unterschätzt.
Rechts: Lola Velarde (2.v.r) vom „Politischen Netzwerk für Werte“ trat bei den Wahlen in Chile auf. Links: Stephen Bartulica (PNfV) gratuliert José Antonio Kast (PNfV).
Gegründet wurde das PNfV 2014 von spanischen und mexikanischen Erzkonservativen bei dem „I Transatlantic Summit“ in den Räumlichkeiten der Vereinten Nationen in New York. Mehrere Führungspersonen wie die Geschäftsführerin Lola Velarde und der Generalsekretär und Vizepräsident Rodrigo Iván Cortés gehören der in den 1950er Jahren in Mexiko entstandenen, geheimen antikommunistischen paramilitärischen Gruppe El Yunque an.
Kampf für das „Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Tode“
Die Ziele des Netzwerks sind in „zehn Geboten“ festgeschrieben, sie werden in Webinaren und Konferenzen verbreitet. Der Hauptslogan lautet „Leben, Familie, Freiheit“. Vorrangig geht es darum, sexuelle und reproduktive Rechte zurückzudrängen, Anti-„Woke“- und Anti-Gender-Positionen zu stärken, den Kampf für das „Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Tode“ zu führen.
Das PNfV befördert als konkrete Maßnahmen die Umsetzung konservativer Politiken zur Stärkung der Ehe von Mann und Frau und deren Familien, zur Förderung von Mutterschaft und zur Erhöhung der Geburtenraten. Das bedeutet zugleich, Maßnahmen gegen Abtreibungen, Verhütung und Sexualerziehung zu stärken, und gegen Leihmutterschaften, Euthanasie und LGBTIQ+ Rechte vorzugehen. So fordert das PNfV Regierungen weltweit dazu auf, die 2020 von Ungarn, Guatemala, Uganda und anderen Staaten verfasste „Genfer Konsens Erklärung“ (Geneva Consensus Declaration on Promoting Women’s Health and Strengthening the Family) zu unterzeichnen, die Abtreibungen verbieten und ein traditionelles Familienbild stärken will.
Absage an Regularien für die Wirtschaft und gegen Hate Speech
Das PNfV versucht beständig, reproduktive und sexuelle Rechte, nachhaltige Entwicklungsziele und Umwelt- und Klima-sensible Politiken zurückzudrängen und stattdessen Familien-, Glaubens- oder Fragen der wirtschaftlichen Deregulierung zu pushen. So auch beim „VI Transatlantic Summit“ im Dezember 2024 im Madrider Senatsgebäude. Dort beschwor der argentinische Staatssekretär für Zivilisation und Glaubensfragen, Nahuel Sotelo, den Kampf gegen die Agenda 2030 der Vereinten Nationen zur Bekämpfung von Armut, Ungleichheit und Umweltzerstörung, gegen den UN-Zukunftspakt und andere internationale Abkommen sowie gegen die UNO als solche und weitere internationale Institutionen. Hinter nachhaltigen Entwicklungszielen stünden teilweise verkappte Maßnahmen im Kulturkampf von links-feministischer Seite – und seien daher abzulehnen, so die mehrfach vorgebrachte Argumentation.
Außerdem will das Netzwerk Europas „jüdisch-christliche Wurzeln“ und die wirtschaftliche Freiheit verteidigen, ebenso wie die „Freiheit des Wortes“. Diese wurde bei dem „VII Transatlantic Summit“ 2026 in Brüssel, der in Räumen des Europäischen Parlaments stattfand, instrumentalisierend in eine Gegenposition zu UN-Reglementierungen zu Hate Speech und gegen den Digital Services Act in Stellung gebracht.
Ein weiteres Ziel des PNfV besteht darin, dass der Staat den Anspruch auf die „freie Wahl der Bildung“ stärken und Eltern das Recht einräumen soll, die Bildung für ihre Kinder entsprechend ihrer moralischen, religiösen, philosophischen Vorlieben „zu wählen“. In der Umsetzung bedeutet das die Förderung privater Bildungseinrichtungen, die als Bollwerk gegen linke, „woke“, „kollektivistische“ oder „globalistische“ Einflüsse gelten.
Und woher kommt das Geld?
Das PNfV ist in den USA als gemeinnützige Organisation eingetragen, aber nicht von der Steuer befreit und daher nicht verpflichtet, Informationen zum Finanzstatus offenzulegen. Die US-amerikanische NGO IPAS, die sich für reproduktive Rechte und für globalen Zugang zu Gesundheitsversorgung einsetzt, untersuchte Verbindungen und Finanzen des PNfV. Dabei wurde deutlich, dass der Großteil der Finanzierung des Netzwerks von US-amerikanischen, mexikanischen, spanischen und zunehmend von ungarischen Organisationen stammt. Bedeutende Unterstützung kommt demnach von der „Alliance Defending Freedom“ (ADF), von der in Madrid ansässigen CitizenGo Gruppe und dem mexikanischen „Red de Acción Ética Política“, welche sich für Gesetze gegen die gleichgeschlechtliche Ehe und gegen Abtreibungen einsetzen.
Unter den Sponsoren des „VII Transatlantic Summit“ des PNfV im Februar 2026 in Räumen des Europäischen Parlaments in Brüssel waren auch die rechten EU-Parlaments-Fraktionen EKR (Europäische Konservative und Reformer mit ihrer Stiftung New Direction) und PfE (Patrioten für Europa mit ihrer Stiftung PfE Foundation), die gleichzeitig als Gastgeber im EU Parlament fungierten.
Darüberhinaus sponsorten erzkonservative oder rechts-libertäre private Thinktanks wie die „Heritage Foundation“, das „Mises Institute Cono Sur“, das ungarische „Centre for Fundamental Rights“ und eine Reihe von Organisationen, wie „Family Watch International“, „Foundation for a Civic Hungary“, „Talenting Group“, „Red Familie“, „Tholos Foundation“ die rechte Konferenz.
Verbindungen in höchste politische Kreise
Das PNfV unterhält enge Verbindungen in höchste politische Kreise und stärkt seine Gefolgsleute bei ihrem Weg der Karriere zu Führungspositionen. Der erste Vorsitzende war Jaime Mayor Oreja, ein dem Franquismus verbundener spanischer Politiker der konservativen „Partido Popular“. Bis 2022 war die frühere ungarische Ministerin und Parlamentsabgeordnete Katalin Novák Vorsitzende des PNfV. Sie gab ihre Position auf, als sie Präsidentin von Ungarn wurde. Ihr folgte von 2022 bis 2024 der Gründer der Republikanischen Partei Chiles, José Antonio Kast, der 2024 von dem aktuellen Präsidenten, dem Kroaten Stephen Bartulica abgelöst wurde.
Bartulica steht für die politische Rechte Europas. Seit 2024 hat er als Abgeordneter der kroatischen Partei „Domovinski Pokret“ (Homeland Movement) einen Sitz im Europaparlament. Er ist Mitglied des rechts-katholischen „Opus Dei“ und sehr aktiv im Kampf gegen reproduktive Rechte. 2009 gründete er das Zentrum für die Erneuerung der Kultur „Centar za obnovu kulture“ (COK), das sich für einen ‚neuen Konservatismus’ und ein traditionelles Ehe- und Familienverständnis und gegen das Recht auf Abtreibung einsetzt.
Für den Erfolg rechter Politik und des PNfV steht derzeit besonders dessen vorheriger Präsident, der am 11. März 2026 frisch ins Amt eingeführte chilenische Präsident José Antonio Kast. Der deutschstämmige stramm konservative Katholik ist Anhänger der Politik des Ex-Diktators Pinochet. Er ist ein Verfechter einer neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, einer strengen Sicherheits- und einer restriktiven Migrationspolitik, sowie Gegner des Rechts auf Abtreibung und der Rechte von LGBTIQ-Personen. Er steht für den noch vor wenigen Jahren nicht vorstellbaren Aufstieg der extremen Rechten und des Revanchismus in Chile und Lateinamerika. Welche Bedeutung und Strahlkraft Kast neben dem rechts-libertären argentinischen Präsidenten Javier Milei über Lateinamerika hinaus hat, lässt sich auch daraus erahnen, dass führende Persönlichkeiten des PNfV zum Tag der Stichwahl am 14. Dezember 2025 nach Santiago de Chile anreisten. Nach Kasts Wahlsieg gratulierten sie ihm, der PNfV-Vorsitzende Bartulica feierte seinen Vorgänger auf Social Media/X als „großen Patrioten“. In einer am gleichen Tag veröffentlichten Grußbotschaft lobt das PNfV Kast für seine Verdienste.
Förderung von Nachwuchseliten
Ein zentrales Ziel der rechten Netzwerke ist die Förderung junger Führungspersonen. Politische Erfahrungen sollen weitervermittelt, Nachwuchseliten herausgebildet werden. Ohnehin treffen junge Polit-Aspirant:innen bei den Konferenzen auf erfahrene Personen, zusätzlich organisiert das PNfV über mehrere Tage andauernde Trainingsprogramme für junge Nachwuchskräfte.
Bei dem Jugendprogramm im Rahmen des „VII Transatlantic Summit“ im Brüsseler EU Parlament nahmen 40 Junge Menschen aus 20 Ländern teil. Nach ihren Kurzvorträgen ließen sich Kast, Bartulica, der polnische EKR Präsident Mateusz Morawiecki und die ungarische Fidesz Politikerin Kinga Gál stolz mit dem jungen Nachwuchs fotografieren. Das PNfV scheint auf einem bisherigen Höhepunkt des Erfolgs angekommen zu sein.