Der Männlichkeitskult der „Generation Deutschland“
Tabitha Potthoff und Nepomuk SchulzDer Männlichkeitskult der „Generation Deutschland“ knüpft an historische Muster an.
Auf X erklärt die AfD: „Das ist er: Der Vorstand der @Generation_AfD. (...) Wir wünschen eine gute Heimreise & danken den Sicherheitskräften noch einmal von ganzem Herzen für ihren Einsatz."
Die Speerspitze der völkischen Bewegung?
Grundlage des folgenden Beitrags ist neben weiteren Quellen ein Transkript der Gründungsveranstaltung der „Generation Deutschland Bayern“ am 20. Dezember 2025 in Greding, das den Autor:innen im voraus zugänglich gemacht wurde.
Ein junger Mann betritt die Bühne, reckt seine Faust und ruft ins Publikum: „Das deutsche Volk, die deutsche Kultur, das deutsche Wesen wird in die Bedeutungslosigkeit verschwinden, wenn nicht die Jugend das Schwert der Hoffnung ergreift.“ Der Saal tobt. Was klingt wie ein Ausschnitt aus einer Archivaufnahme der "Hitlerjugend", ereignete sich beim Treffen anlässlich der Gründung des bayerischen Landesverbands der „Generation Deutschland“, die sich selbst als „schärfstes Schwert“ einer zukünftigen AfD-Regierung versteht.
Am 29. November 2025 gründete sich die bis dahin informell als Nachwuchsorganisation der AfD geltende „Junge Alternative“ in Gießen neu und benannte sich um: Als „Generation Deutschland“ (GD) soll die de facto weiterhin rechte bis ultra-rechte Jugendorganisation offiziell die weichgespülte Kaderschmiede für die AfD werden.
Zu den prägenden Figuren der GD gehören auch Personen, die aus dem neurechten bis neonazistischen Vorfeld der AfD stammen, zum anderen aber bereits tief im institutionellen Apparat der AfD verwurzelt sind, als Kader einer sich zunehmend radikalisierenden Partei.
Zum Vorstand gewählt wurde Jean-Pascal Hohm, welcher neben Kontakten zur „Identitären Bewegung“ (IB) und ihrem Kopf Martin Sellner, auch mit den einschlägigen Vereinen „Ein Prozent“ (Philipp Stein) und „Zukunft Heimat“ sympathisiert. Eine weitere Verbindung zu Vorfeldorganisationen der AfD stellt auch der neue stellvertretende Vorsitzende der GD, Jan Richard Behr mit Kontakten zur IB, Götz Kubitschek und der „Burschenschaft Germania Halle zu Mainz“, dar. Sie sind nicht die einzigen mit Kontakten zu IB. Auch Kevin Dorow, Patrick Heinz, Julia Gehrckens, Cedric Krippner und Florian Ruß bekannten sich öffentlich zur Organisation um Martin Sellner.
Die Redebeiträge bei der Neugründung der „Generation Deutschland“ in Bayern lassen sich als ein verdichteter Ausdruck postfaschistischer Vergemeinschaftung lesen: als Synthese aus nationalem Opfernarrativ, (militantem) Aktivismus, männlicher Verpanzerung und antifeministischer Retro-Ordnung.
Die Sprecher beginnen bei der Vorstellungsrunde stets mit Angaben zu Herkunft, Alter, Beruf und familiärem Hintergrund. Handwerk, Unternehmertum, Bundeswehr oder Familienbetrieb fungieren als Signalworte moralischer Legitimität. Auffällig ist die Normalisierungsstrategie:Die AkteurInnen präsentieren sich als bodenständige junge Leute, Familienväter, Unternehmer oder Kommunalpolitiker. Gerade dadurch wird die plakative Radikalität der Aussagen entdramatisiert. Völkische Gesinnung oder neonazistische Zugehörigkeit erscheinen so nicht als Abweichung, sondern als vermeintlich gesunder Menschenverstand. Die Selbstverortung findet stets in männlichen Abstammungslinien statt: „Mein Großvater hat ein großes Logistikunternehmen aufgebaut, mit Fleiß Verantwortung und dem festen Glauben an die eigene Leistung. Mein Vater und ich haben diesen Geist übernommen […].“ Frauen erscheinen in dieser Genealogie nicht. Sie sind strukturell abwesend im Raum der politischen und ökonomischen Subjektivität.
Auffällig ist auch, dass die Semantik der „Verteidigung“ permanent in eine Rhetorik des Angriffs umschlägt. Theweleits Werk Männerphantasien (1977/78) analysierte die psychischen Strukturen, die den frühen deutschen Faschismus trugen: die Angst vor dem Weichen, Fließenden, Unkontrollierbaren - verkörpert im Weiblichen - und dem entgegengesetzt das Ideal des gepanzerten, harten, männlichen Körpers als Abwehr dieser Bedrohung. Doch während
Theweleit die soldatische Körperpanzerung primär als Reaktion auf Angst, Auflösung und Bedrohung analysiert, erscheint der Körper hier weniger defensiv als offensiv mobilisiert: nicht bloß Schutzwall gegen Chaos, sondern ebenso Instrument der Expansion, Disziplinierung und politischen Durchsetzung. Tim Schulz formuliert diese Logik bemerkenswert offen: „Wir brauchen eine gesunde deutsche Jugend, geistig wie körperlich. Es muss entsprechende Angebote geben. Neben gemeinsamen Wanderungen sollte auch das Boxtraining anvisiert werden.“ Die Verschränkung von politischer Schulung und körperlicher Härtung ist kein pädagogisches Programm - es war auch ein Formierungsmodell faschistischer Jugendorganisationen. Der Körper soll kampftauglich sein. Die körperliche Ertüchtigung wird auch direkt an gesellschaftliche Krisenszenarien gekoppelt: „Wenn wir uns die aktuellen Entwicklungen ansehen“, müsse man „sich im Zweifelsfall selbst verteidigen können“.
Diese rhetorische Figur folgt einem klassischen faschistischen Muster: Die eigene Aggression wird als Notwehr codiert. Der Diskurs produziert zunächst eine imaginierte Bedrohung: „Überfremdung“, Kontrollverlust, kultureller Zerfall, um daraus die Legitimität militanten Handelns abzuleiten. Die Redner erzeugen ein permanentes Gefühl des Ausnahmezustands: Deutschland stehe „kurz vor dem Ende“, man befinde sich im „Existenzkampf“, die Jugend müsse „das Schwert der Hoffnung ergreifen“. Schuld sind „Fremde“, die „Kartellparteien“, urbane Liberalität oder der Feminismus. Der Feind erscheint zugleich diffus und allgegenwärtig.
Auch der (Volks-)Körper nimmt auf dem Gründungstreffen eine zentrale Vermittlungsfunktion ein. Die Rede von Wehrdienst, Boxtraining, „geistigem Schmieden“, Disziplin und Kameradschaft verweist auf eine Re-Maskulinisierung des Politischen. Lukas Katheder spricht von Kameraden“, „Dienst an der Waffe“, „standhaft bleiben“; andere Redner beschwören „Pflicht“, „Disziplin“ und „Schwert“.
Der Feminismus erscheint implizit als Ursache gesellschaftlicher „Schwächung“. Die ver-
meintlich verlorene Ordnung ist stets eine patriarchale Ordnung. Eigenheim, traditionelle Familie, männliche Ernährerrolle als regressiver Sehnsuchtsort junger Rechter.
Theweleit zeigt, dass das faschistische Subjekt die Außenwelt als permanente Bedrohung der inneren Ordnung erlebt. Diese Struktur findet sich präzise in der Selbstdarstellung der GD: „Auch, weil Journalisten und die Antifa ständig versuchen, mich über meine Familie zu brechen“. Gleichzeitig ist die Familie das zu Verteidigende: „Eine Familie zu gründen und diese in Sicherheit und Freiheit großzuziehen“.
Diese Konvergenz von privatem Körper, Familienraum und nationalem Territorium ist bei der GD das Kernmuster, in dem persönliche und nationale Intimität und politische Gewalt ineinandergreifen.
Dass dabei ständig von „Jugend“ gesprochen wird, ist kein Zufall. Jugend fungiert als Projektionsfläche nationaler Regeneration. Der „gesunde“ junge Körper soll den angeblich dekadenten Gegenwartszustand überwinden. Wenn von „unserem Volk“, „unserem Erbe“ oder dem „deutschen Wesen“ gesprochen wird, wird Nation nicht als politische Gemeinschaft verstanden, sondern als quasi-organischer Körper. Diese organische Volksvorstellung produziert per definitionem Ausschlüsse. Migrantische Gruppen erscheinen als Fremdkörper; queere Identitäten als Auflösungserscheinungen; politische Gegner als Verräter*innen.
Besonders drastisch wird dies in der Forderung nach „rigoroser Remigration“: Die Krise Deutschlands wird demografisch imaginiert, ihre Lösung biopolitisch gedacht. Hier greift eine reine Interpretation als „Abwehrreaktion“ zu kurz. Zwar inszeniert sich das Milieu permanent als bedrängt, tatsächlich aber artikuliert sich durchgehend ein expansiver Machtanspruch.
Hier liegt auch ihr postfaschistischer Charakter: autoritäre Machtansprüche erscheinen als nachvollziehbar demokratische Selbstverteidigung. Das zeigt sich in Formulierungen wie „den Laden übernehmen“, „Kaderschmiede“ oder der erwähnten „Remigration“-Forderung. Genau deshalb steht im Zentrum nicht bloß Angst vor Auflösung, sondern die Lust auf Ordnung, disruptive Härte und Durchsetzung. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Rhetorik bedeutsame Ähnlichkeiten zur nationalsozialistischen Sprache („Lingua Tertii Imperii“; Vgl. „LTI -Notizbuch eines Philologen“, Victor Klemperer, Reclam 1947) vorweist.
Die "Generation Deutschland" ist damit keine Reaktion auf eine gesellschaftliche Bedrohung ist, sondern ein Versuch, autoritäre Hegemonie zu gewinnen von ganz rechts außen.
Die GD als Kaderschmiede und Verbindungspunkt zwischen AfD, Jugend sowie dem neurechts bis neonazistischen Vorfeld der AfD ist in diesem Sinn nicht allein als jugendpolitisches Projekt zu verstehen, sondern als Bestandteil eines umfassenderen Macht- und Hegemonieprojekts der extremen Rechten.