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Aktionen gegen »Hetendorfer Tagungswoche«

Einleitung

Vom 15. bis zum 23. Juni 1996 fand die sechste »Hetendorfer Tagungswoche« auf dem Gelände "Hetendorf 13" statt. Etwa 200 alte und junge Neonazis aus dem In- und Ausland reisten zu dem für sie wichtigen Termin an. Zum Programm gehörten Vorträge, Gesprächskreise, Mitgliederversammlungen, Musik und eine "Sommersonnwendfeier".

Jürgen Rieger Hetendorf
(Bild: Screenshot YouTube;@Dortmunder79)

Jürgen Rieger ist der Organisator der "Hetendorfer Tagungswoche".

Hetendorf ist ein kleiner Ort in der Lüneburger Heide. Die neonazistische „Erste Hetendorfer Tagungswoche" fand im Jahre 1991 auf den von Neonazi-Gruppen verwalteten und genutzten Gelände des „Heide Heim" in Hetendorf statt. 

Die veranstaltenden Gruppierungen der „Tagungswoche" waren auch in diesem Jahr diverse Vereine aus dem Neonazi-Netzwerk um den Neonazi Jürgen Rieger:

  • die „Artgemeinschaft - Germanische Glaubensgemeinschaft e.V." 
  • das „Familienwerk e.V."
  • die „Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung" 
  • der „Heide-Heim e.V." 
  • der „Heinrich-Anacker-Kreis" 
  • der „Nordische Ring e.V." und seine europäische Schwesterorganisation „Northern League" 

Auf der „Sechsten Tagungswoche“ waren als Referenten (zumindest) eingeladen:

  • Harald Pannwitz (Referatsthema: „Völkertod und Völkerüberleben")
  • Wolfgang Juchem aus Hessisch-Lichtenau (Referatsthema: „Der Hintergrund des Holocaust von Dresden")
  • Prof. Dr. Helmut Schröcke aus Kottgeisering (Referatsthema: „Siebenbürgen - die Kulturleistungen eines deutschen Stammes")
  • Dr. Heinrich Piebrock aus Brilon (Referatsthema: „Lenin läßt grüßen")
  • Georg Thams (Referatsthema: „Die Verschiebung der deutschen Westgrenze mit dem Aufstieg der westlichen Nachbarn")
  • Gerhard Seifert aus Marburg (Referatsthema: „Fritz Vater - Künder unserer Geschichte" und "Wo ist der deutsche Mut?")
  • Walter Drees aus Vlotho-Valdorf (Referatsthema: „Das biologisch-urgeschichtliche Weltbild")
  • Carsten Eggert (Referatsthema: „Wie will man Spanuths Atlantikthese austricksen? "

Laut anderen Quellen aus der Neonazi-Szene sollen außerdem angekündigt worden sein:

  • Wolfgang Fachmann aus Bienenbüttel (Referatsthema: „Jahrgang 1929"). Dieser Begriff beschreibt die Generation, die aufgrund ihres Alters die erste war, die das nationalsozialistische Geflecht von Jugendorganisationen vollends durchlaufen musste.
  • Karl-Heinz Baumgartl aus Zeilam (Referatsthema: "Die Zeit, aus der wir kommen" und "Avebury - das größere Stonehege"
  • Volker Hargens (Referatsthema: ""Wo man singt, da laß Dich (un)ruhig nieder. Auch böse Menschen haben Lieder.")
  • Hans Jürgen Hertlein (Referatsthema: "Die Pfalz - Ein Landschafts- und Schicksalsbild")
  • Prof. Werner Koch (Referatsthema: "Christliche Einflüsse auf das Leben", "Erläuterungen zum Havamal")
  • Frank Rennicke aus Ehningen ("Lieder von und mit Frank Rennicke")
  • Jürgen Rieger aus Hamburg (Referatsthema: "Die Bedeutung der Gruppe in Natur und Kultur")
  • "Swantje Swanhwit" bzw. bürgerlich Iris-Katrin Fischer aus Hamburg ("Elfenzauber -Gesang")
  • Hermann Thiele aus Bremen (Referatsthema: "Eugen Diederichs - ein Ketzer aus Europas eigener Religion")

Die neofaschistischen TagungsteilnehmerInnen hatten sich, u.a. über das »Nationale Infotelefon Rheinland« (NIT), einen »Selbstschutz« organisiert, zu dem ca. 30 Neonazis aus Aschaffenburg, Ostwestfalen-Lippe, Hamburg, Quedlinburg, Bonn sowie dem Sieger- und Sauerland angereist waren. Unter ihnen befanden sich bekannte Neonazi-Aktivisten wie Meinhard Otto Elbing (Bielefeld), Thomas Wulff (Hamburg), Thorsten de Vries (Hamburg), Steffen Hupka (Quedlinburg), Bernd Stehmann (Bielefeld) und Falko Schüssler (Aschaffenburg), die gekommen waren, um den Neonazi-Organisaor Jürgen Rieger (Hamburg) zu unterstützen. Dieser erklärte bei seine "Sonnenwendfeier"-Rede: "Wir gehen den Weg der harten Tat"

Das »Bündnis gegen Rechts« organisierte eine Aktionswoche, um gegen das Treffen der (Neo)Faschisten zu protestieren. Mehrere hundert AntifaschistInnen versuchten am ersten Aktionswochenende durch Straßenblockaden die Anreise der Tagungsteilnehmerinnen zu behindern. An weiteren Wochentagen versuchten verschiedene politische und kirchliche Gruppen sich mit Aktionen für die Schließung des Neoazi-Zentrums »Heideheim e.V.« und die Beendigung, der dort stattfindenden Neonazi-Aktivitäten einzusetzen. 

Am Donnerstag, dem 21. Juni 1996, sollte der Höhepunkt der »Hetendorfer Tagungswoche«, die "Sonnenwendfeier", gestört werden. Das Gelände "Hetendorf 13" wurde durch starke Polizeikräfte geschützt. Die ca. 300 antifaschistischen DemonstrantInnen wurden durch einen massiven Polizeieinsatz, bei dem es zu brutalem Schlagstockeinsatz und Einkesselung kam, vom Neonazi-Zentrum ferngehalten.

Festgenommene wurden vor dem Zaun des Neonazi-Geländes regelrecht zur Schau gestellt, rund 60 Personen wurden in Gewahrsam genommen und es gab etwa 130 Personalienfeststellungen und Platzverweise. Die Polizei rechtfertigte den harten Einsatz damit, dass es sich um den »Kern« eines "Schwarzen Blockes", der das Haus und Gelände vermummt angreifen wollte, gehandelt habe. 

Dagegen richteten sich die VeranstalterInnen mit der Erklärung, dass die Vermummung als Selbstschutz diene, es den sogenannten "Schwarzen Block" nicht gegeben habe und nicht das Zentrum gestürmt, sondern lediglich die "Sonnenwendfeier" gestört werden sollte. Etwa 30 Menschen erhielten bisher Ermittlungsverfahren und Vorladungen. Gegen alle Teilnehmer*innen der Demonstration sollen wohl Ermittlungsverfahren wegen „Landfriedensbruchs“ eingeleitet werden.

Im Gegensatz dazu konnten sich Neonazis Übergriffe auf BürgerInnen, AntifaschistInnen sowie Kamera-Teams und "Hitlergrüße" leisten, da die Polizei sich entweder nicht in die Pflicht genommen sah oder nicht genug Kräfte vor Ort hatte. Das "Celler Bündnis gegen Rechts" zog trotz der massiven Repression eine positive Bilanz und kündigte auch für die Zukunft an, wie die letzten Jahre antifaschistischen Widerstand zu leisten.