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Die PR-Manager der Neonazi-Szene

Einleitung

Mit den Neonazi-Aktionen rund um den Todestag des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß haben zwei Strukturmodelle der neofaschistischen Szene, die mit der verbotsbedingten Umstrukturierung der Szene entstanden sind, erneut ihre Praktikabilität bewiesen. Während die "Junge Nationaldemokraten" (JN) bundesweit für Propaganda und die Darstellung in der Öffentlichkeit zuständig sind, übernehmen regionale Zusammenschlüsse, wie "Die Nationalen e.V." aus Berlin, diese Aufgaben für ihr Gebiet und stellen gleichzeitig einen Knotenpunkt für die örtlichen "Kameradschaften" dar. Diese sind die Hintergrundstruktur und wollen, indem sie nicht kontinuierlich nach außen auftreten, einem Verbot entgegenwirken.

Holger Apfel Thomas Wulff

Die Neonazi-Funktionäre Thomas Wulff (1.v.r.) von den "Freien Kameradschaften" und Holger Apfel (3.v.r.) von der NPD-Jugend beim "Rudolf Heß Marsch" in Worms.

Die "Jungen Nationaldemokraten" (JN)

Seit etwa einem Jahr nimmt die Bedeutung der NPD-Jugendorganisation stetig zu. Mit den Organisationsverboten von "Nationalistischer Front" (NF) bis "Wiking Jugend" (WJ) hat sich eine Umstrukturierung der neofaschistischen Szene in Gang gesetzt. Die Neonazis versuchen, sich in unabhängigen Zellen und "Kameradschaften" zu organisieren, um so eine Hintergrundstruktur zu schaffen, die besser gegen Repression geschützt ist. Dennoch brauchen sie weiterhin Strukturen, die in der Öffentlichkeit auftreten und einen Bezugspunkt darstellen. 

Bundesweit übernehmen zunehmend die "Junge Nationaldemokraten" (JN) diesen Part. Neben zahlreichen Propagandamaterialien, die bundesweit von Neonazis jeglicher Coleur genutzt werden können, haben die JN ihre Befähigung für organisatorische Aufgaben bereits mit dem Aufmarsch am 1. Mai in Berlin-Marzahn unter Beweis gestellt. 

Auch in die Vorbereitungen des für die Neonazi-Szene wichtigen Aktionsmonats zum Todestag des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß waren die JN durch Kader wie Holger Apfel eingebunden. Im Alleingang versuchten sie bereits zwei Wochen vor dem eigentlichen Todestag einen Aufmarsch in Bad Harzburg durchzuführen, der aber mit 60 Teilnehmern ein Reinfall wurde. Erst für die Aktionen am 17. August, für den neben der JN auch zahlreiche "Kameradschaften" und regionale Neonazi-Zusammenschlüsse mobilisierten, waren mehrere Hundert "Kameraden" bereit unter dem Label JN einen Aufmarsch durchzuführen. Die Vorbereitung der Aktion lag trotz der Aufmachung nach außen als JN-Aufmarsch weitgehend in der Hand der "Kameradschaften", der "Die Nationalen" und anderen Führungspersonen der NS-Szene wie Thomas Wulff aus Hamburg. 

Neben ihrer Funktion als PR-Manager der Neonaziszene und Namensgeber für bundesweite öffentliche Aktionen dienen die JN auch als Auffangbecken für die Mitglieder der verbotenen Organisationen. Selbst dem Verfassungsschutz (VS) liegen Erkenntnisse vor, »daß mittlerweile etliche frühere WJ- und FAP-Mitglieder Anschluß an die JN gefunden haben.« 

Auch wenn die JN zahlenmäßig nicht besonders stark scheinen und ihr Einfluss auf die Hintergrundstrukturen beschränkt ist, kommt ihnen momentan mit der bundesweiten Propagandaarbeit eine zentrale Aufgabe für die gesamte neofaschistische Szene zu. Sie sind ein Teil des umstrukturierten Netzwerks, das nach den Verboten weiter zusammengerückt und trotz der scheinbaren Zersplitterung in die zahlreichen "Kameradschaften" und "Zellen" immer wieder zu gemeinsamen Aktionen fähig ist. So freuten sich die Organisatoren des Wormser Neonaziaufmarsches ("Rudolf Heß Marsch") im Nachhinein, dass sie es geschafft hätten, »die Vertreter aller relevanten Gruppierungen und Verbindungen (...) auf ein geschlossenes Vorgehen einzuschwören.« Auch der VS muss zugeben: »die staatlichen Verbote haben die traditionelle Zersplitterung überwunden« und bestätigt, dass »die Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen unwichtig geworden« ist. Wie eng verwoben die einzelnen Elemente des Neonazinetzwerkes sind, und dass diese verschiedene Funktionen haben zeigt auch die Anweisung von Steffen Hupka, dem ehemalige Kader der verbotenen NF und heutigen Autor in der JN-Postille "Einheit und Kampf": »Macht eine Arbeitsteilung! Laßt einige Leute den Kontakt zur JN durch Mitgliedschaft halten und nutzt so die Vernetzung mit einer großen Organisation, - andere Kameraden können dafür andere Aufgaben vor Ort übernehmen.«1 Ein Wegfallen des Propagandaapparates JN würde für die Neonazis einen entscheidenden Schritt in die Isolation bedeuten, in die sie mit zunehmender Konspirativität sowieso schon geraten sind. Auch Ausweichorganisationen gibt es kaum. Als bundesweite Organisation mit guter Infrastruktur ständen nur noch die "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e.V. (HNG) und die NPD, die momentan schon die Aufgaben der JN in den Gebieten übernimmt, wo diese nicht vertreten ist, zur Verfügung.

Während die JN und teilweise die NPD die Aufgabe der bundesweiten Propaganda übernommen haben, sorgen andere Organisationen für örtliche Verankerung, Schulungen etc. Besondere Bedeutung kommt dabei den regionalen Zusammenschlüssen verschiedener Neonazi-Organisationen zu, wie zum Beispiel dem "Bund Frankenland" und dem "Deutschen Freundeskreis Nordharz", die die Aufgaben, die JN und NPD bundesweit erledigen, auf regionaler Ebene übernehmen. Sie dienen als Vorfeldstruktur, mit deren Hilfe die einzelnen Organisationen und die "Kameradschaften", die im Hintergrund bleiben wollen, ihre regionale Propaganda betreiben und einen Namen etablieren. Wenn eine derartige Organisation verboten wird, kratzt das die Hintergrundstruktur nicht an und man kann einen neuen Zusammenschluss gründen. Als effizientes Modell regionaler Zusammenschlüsse scheint sich momentan auch die Berliner Sammlungs-Organisation "Die Nationalen e.V." durchzusetzen.

"Die Nationalen e.V."

Der von Frank Schwerdt geführte Verein, der 1992 als Wahlzusammenschluss von einem Spektrum, das von REP-Mitgliedern bis zur NF reicht, gegründet wurde, hat sich mittlerweile zu einem effektiv arbeitenden Zusammenschluss fast aller relevanten Berliner Neonazigruppen gemausert. Er macht die Propaganda der Neonazi-Szene, z.B. die "Berlin Brandenburger Zeitung" (BBZ), die mittlerweile sechs Ableger im gesamten Bundesgebiet hat. Der Verein trat zur Wahl in Berlin an, organisiert die Rekrutierung und Zusammenarbeit mit Gruppen in Brandenburg und Sachsen-Anhalt und dient gleichzeitig als Knotenpunkt für die zehn Berliner "Kameradschaften". Der Verein hat auch über Berlin- hinaus eine bundesweite Bedeutung und einen Vorbildcharakter für andere Regionen und ihre Zusammenschlüsse. Seinen Einfluss und seine Organisationsfähigkeit hat der Verein ebenfalls am 17. August gezeigt. Unabhängig vom bundesweiten Aufmarsch in Worms organisierten die Nationalen unter Schwerdts Führung einen Aufmarsch im sachsen-anhaltinischen Merseburg, von dem die Polizei im Vorfeld angeblich nichts gewusst haben will. Damit gelang es den "Die Nationalen" mit einer Mobilisierung, die fast intern verlief, 120 Neonazis auf die Straße zu kriegen. Ein Umstand der deutlich macht, was an Personenpotential und Strukturen hinter dem Zusammenschluß steht.

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    Umbruch. Nr: 11, Februar 1996. S. 3.