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Lauck-Urteil: NSDAP/AO ein Auslaufmodell?

Einleitung

Der amerikanische Neonazi-Führer Gerhard Rex „Gary“ Lauck wurde von einem Hamburger Gericht zu vier Jahren Haft verurteilt. Er war Kopf der NSDAP/AO.

Gary Lauck
(Bild: Screenshot ARD/Panorama)

Ende August 1996 hat das Hamburger Landgericht gegen den Auslandschef der NSDAP/AO, Gerhard "Gary" Lauck, eine Haftstrafe von vier Jahren wegen Volksverhetzung und Aufstachelung zum Rassenhass verhängt. Damit blieb das Gericht ein Jahr unter der Höchststrafe für diese Delikte. Es sah es als erwiesen an, dass der 43jährige Lauck mehr als 20 Jahre lang NS-Propagandamaterial aus den USA in die Bundesrepublik geschickt und in seinen Schriften die Massenmorde in Auschwitz geleugnet habe. Zahlreiche der ursprünglichen Anklagepunkte musste die deutsche Justiz fallen lassen, da nur die Vorwürfe, die auch in Dänemark mehr als ein Jahr Haft bringen würden, zugelassen waren. Daran war die Auslieferung Laucks aus Dänemark geknüpft.

Milde Auslegung vor Gericht

Das Gericht hatte von der Höchststrafe abgesehen, da Lauck mit Worten gehandelt habe - eine im übrigen sehr dezente Umschreibung seiner rüden antisemitischen Hetze. Lauck auf die propagandistische Ebene zu reduzieren, blendet jedoch die politischen Strukturen aus, in denen er operiert. Auf diese Leimspur gehen auch die Vertreter des "freedom of speech", die im Lauck-Prozeß in erster Linie eine Einschränkung der Meinungsfreiheit sehen.

Lauck als eine Art Neonazi-"Büroleiter" in Lincoln

Welche Auswirkung wird das Urteil gegen Lauck für die hiesige Neo-NS-Szene haben? Lauck, mit Hitler-Schnäuzer und der Vorliebe, in Nazi-Uniform durch die Gegend zu laufen, wird in seiner Umgebung in Syracause (Lincoln / Nebraska) nicht sonderlich ernst genommen und spielt auch in der neofaschistischen Szene der USA keine besondere Rolle mehr. Der 1953 in Milwaukee/Wisconsin als Sohn deutschstämmiger Eltern geborene Gary Lauck war seit Teenager-Tagen Anhänger des NS und in der "National Socialist White People’s Party" organisiert gewesen. Ende 1970 galt Lauck noch als eine Art "Propagandachef" der militanten "National Socialist Party of America" (NSPA) von Frank Collin. Mit 19 Jahren änderte er seinen Namen von Gary zu Gerhard. Im Mai 1972 schloss sich Lauck einer "NS-Kampfgruppe Horst Wessel" an, die sich als eine Art Untergruppierung der "NS-Kampfgruppe Großdeutschland' (NSKGD) in Deutschland verstand. Das Landgericht Düsseldorf verurteilte 1976 Manfred Knauber und Wilhelm Bayer im Zusammenhang mit der "NS-Kampfgruppe Großdeutschland' (NSKGD) als Rädelsführer bei der Gründung einer kriminellen Vereinigung. 

Nach Rückkehr in die USA gründete Lauck 1972 die NSDAP/AO. Das "AO" stand zunächst nur für "Auslandsorganisation". Seit Herbst 1978 reicht sein Ego auch für den Begriff "Aufbauorganisation". Aufgefallen ist Lauck im selben Jahr auch in einem anderen Zusammenhang. Gary Lauck schoss 1978 in der elterlichen Wohnung auf seinen Bruder und verletzte ihn dabei. 

Die NSDAP/AO in Europa

Politisch ganz anders ist seine Tätigkeit für die deutsche und teilweise europäische Szene zu beurteilen. Für die Bundesrepublik ist er der größte Lieferant an NS-Material und sein schon mehr als zwei Jahrzehnte währender, stetiger Materialfluss schuf Kontinuität für die junge militante NS-Generation, die ab den 1970er Jahren auf den Plan trat. Alleine in Deutschland sollen mehr als 20.000 Adressen von der NSDAP/AO beliefert worden seien. 

Der deutsche Neonazi-Stratege Michel Kühnen erklärte, die NSDAP/AO »ist eine politische Frontorganisation des Nationalsozialismus und bildet dessen illegalen Arm. Die NSDAP/AO ist in Deutschland verboten und arbeitet deshalb im Untergrund propagandistisch gegen das NS-Verbot und für die Neugründung der NSDAP.«1

1972 wurde Lauck in Deutschland im Besitz von Tausenden von Hakenkreuz-Aufklebern festgenommen und in die USA abgeschoben. Vom September bis Dezember 1974 war Lauck auf einer Veranstaltungs-Reise ("Warum Hitler in den Vereinigten Staaten immer noch so beliebt ist") quer durch West-Deutschland. Veranstalter war u.a. Manfred Roeders "Bürgerinitiative" und Thies Christophersen. Bei einer von Thies Christophersen organisierten Veranstaltung am 10. November im "Haus des Sports" in Hamburg verherrlichte er Adolf Hitler unter einer Hakenkreuz-Fahne und zeigte den Hitler-Gruß. Anschließend bekam er Einreiseverbot in die BRD. Doch bereits 1976 wurde Lauck in Deutschland erneut inhaftiert. 

Lauck ging technisch stets mit der Zeit, so kann er sein Netzwerk auch ohne ständige Reisen aufrecht erhalten. Sein Büro in Nebraska verfügte sehr früh über mehrere Telefonleitungen, zwei Faxgeräten und ein DTP-System von Atari zur Produktion der Zeitungen. Über mehrere Modems bestanden Datenverbindungen zu elektronischen Netzwerken der Neonazi-Szene in den USA, Skandinavien und Deutschland. In den USA war die NSDAP/AO außerdem ab 1993 mit zwei Fernsehprogrammen in mehreren lokalen Kabelnetzen vertreten.

Propaganda-Netzwerker in Europa

Als früher Akteur der NSDAP/AO in Deutschland in den 1970er Jahren wurde u.a. der Amerikaner Mark Weber in München bekannt. In West-Berlin trat Arnulf Priem 1976 als NSDAP/AO-"Aktionsführer" auf. In Braunschweig galt 1976 Paul Otte als wichtige BRD-Verbindungsstelle der NSDAP/AO. 1978 gab es gegen bekannte Neonazi-Aktivisten wie Paul Otte, Jürgen Pospieszinsky, Gunnar Pahl, Rainer Schmitz (Köln), Klaus-Ludwig Uhl (Weyer) und Willibald Kraus (Seugast) Hausdurchsungen, wo größere Mengen NSDAP/AO-Material beschlagnahmt wurde.2 Klaus-Ludwig Uhl galt als ein wichtiger deutscher Autor ("Werdorf") der NSDAP/AO-Publikationen. Er wurde bei einem Neonazi-Banküberfall von der Polizei erschossen. Am 18. August 1977 wurde Paul Otte mit drei Begleitern bei der Einfuhr von NS-Material aus Dänemark verhaftet. Otte galt den Sicherheitsbehörden als westdeutscher "Sektionsleiter" und "Gaubeauftragter" der NSDAP/AO. Gegen Paul Otte wurde später wegen Sprengstoff-Anschlägen ermittelt. 

Mitte 1985 brachte ein "NSDAP/AO-Gau Hessen-Nassau" eine eigene Publikation namens "Volksgenosse" heraus. Im Dezember 1989 flog ein NSDAP/AO-Stützpunkt in Hemer (Märkischer Kreis auf. auf. Als Berliner Neonazis 1990 ein Haus in der Lichtenberger Weitlingstrasse zur Verfügung gestellt bekamen zählte auch Gary Lauck zu den internationalen Gästen. Ein Treffen mit Michael Kühnen Anfang Juli 1990 wurde auf dem Titel des "NS-Kampruf" mit Foto und der Schlagzeile "Gerhard Lauck in Ost-Berlin!" gefeiert. 

Im Juli 1990 fand außerem ein NSDAP/AO-Treffen in Kolund (Dänemark) bei Thies Christophersen statt. Anwesend waren neben Gerhard Lauck verschiedene führende Köpfe des GdNF-Netzwerkes wie Christian Worch, Ursula Worch, Christa Goerth, Michael Kühnen, Esther Wohlschläger ("Lisa"), Thomas Hainke und Berthold Dinter. Aus Österreich waren Gottfried Küssel und Günter Reinthaler ("Hrouda") angereist. Kühnen selbst erklärte bereits 1986: »Seit 1977 aber bin ich neben meinen sonstigen Aktivitäten stets treuer Anhänger der NSDAP/AO gewesen - und werde es bleiben!«

Für das "Hungarian National-Socialist Movement" gilt der Autor Tibor Fuyer als führender NSDAP/AO-Akteur und Schnittstelle zwischen den USA und Ungarn. Im April 1994 wurde in Ungarn mit Iswan Gyorkos ein wichtiger Verbindungsmann der ungarischen Neonazi-Szene zur NSDAP/AO verhafte. Als Gründer und Leiter eines "Koordinierungsausschusses Europa" der NSDAP/AO wurde zeitweilig Eite Homan aus den Niederlanden benannt. 1994 kam mit Martijn Freling ein mutmaßliches NSDAP/AO-Mitglied sogar in ein niederländisches Stadtparlament. Der Holländer Neonazi-Kader Gerrit Et Wolsink ist seit 1990 bekennendes NSDAP/AO Mitglied (Mitgliedsnummer 688436).

In Österreich galt Gottfried Küssel und in Dänemark Jonni Hansen von der DNSB als wichtige Verbindungspersonen zu Lauck. 

Das vorläufige Ende?

Anlässlich einer Reise zur "Kameraden" der "Danmarks Nationaisocielistiske Bevägelse" (DNSB) in Dänemark wurde Lauck am 20. März 1995 in Roskilde verhaftet, weil in Deutschland seit September 1994 ein Haftbefehl gegen ihn bestand. Aus der dänischen vorläufigen Auslieferungshaft wurde Lauck nach Deutschland überstellt. Ein Antrag auf Haftbesuch bei Lauck von dem Neonazi-Funktionär Christian Malcoci hat der zuständige Richter mit der Begründung der NSDAP/AO-Mitgliedschaft abgelehnt.3

Im Zuge der Ermittlungen gegen die NSDAP/AO in Deutschland gerieten im März 1995 auch zwei REP-Mitglieder in Hessen in den Fokus der Ermittler. Sie hatten bei Lauck verbotenes Material bestellt. Bei den Durchsuchungen fanden sich auch ein Gewehr und Munition. 

Was bleibt?

Die NSDAP/AO stellt keine starre Organisationsstruktur dar, dadurch ist sie schwerer fassbar für die Behörden (die allerdings immer zahlreiche Spitzel in deren Reihen hatten). Als Propaganda-Dienstleistungsunternehmen war sie nicht den politischen Konjunkturen der Neo-NS-Bewegung unterworfen. Sie bietet ein niedrigschwelliges Aktionsangebot (nächtliches Plakatieren, Parolen-Schmierereien), das darauf zielt, das NS-Verbot ständig zu durchbrechen und auszuhöhlen. Damit erreicht sie in den letzten Jahren auch besonders junge Neonazis, die gerade "anpolitisiert" worden sind.

Ihre Bedeutung hat die NSDAP/AO aber nicht als reines Propagandaunternehmen, sondern durch ihre enge Verzahnung mit Neonazistrukturen in der BRD - zumindest in ihrer Anfangszeit. 1975 war die NSDAP/AO an dem bundesweiten Versuch einer einheitlichen NSDAP "Neugründung" beteiligt. Dieser Ansatz unter der Koordination des Altnazis Wilhelm Wübbels brachte es zwar zu Ortsgruppen in etlichen Städten, die sich aber bis 1978 bereits wieder aufgelöst hatten oder wurden. In Hamburg hatte Michael Kühnen zuvor eine Art SA-Gruppe im Rahmen der NSDAP/AO aufgebaut. 

Jedoch schon bald waren die Handvoll Mitglieder bekannt, außerdem hinderte das abgeschottete Zellensystem daran, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen. Die Konsequenz daraus war, einen »legalen Arm« zu schaffen, die "Aktionsfront Nationaler Sozialisten" (ANS). Die wurde schon bald zum Kader-Zentrum dieser NS-Strömung und setzt sich heute in der GdNF fort. Die eigentliche politische Struktur der NSDAP/AO ist in diesem Neonazi-Netz zu finden. Lauck hatte schon 1976 verkündet und in den folgenden Jahren wiederholt, dass die eigentliche Führung »im Reich« liege.

Indem die NSDAP/AO als eine eigenständige Organisation erscheint, die nur Einzelpersonen und Zellen beliefert, die nicht untereinander in Kontakt stehen, konnten sich die deutschen (Jung-)Neonazis eine Nische schaffen, in der sie zwei Jahrzehnte weitgehend ungestört von staatlichen Eingriffen wirken konnten. Die interne Anweisung zur Arbeitsweise war: "Die Ortsgruppen arbeiten überwiegend selbstständig (...) bestimmen einen Vertrauensmann (...) der die Verbindung aufrecht erhält (...)"

Theoretisch wollte die NSDAP/AO in drei Phasen zu politischer Macht kommen: 1.) Phase Schulung der "Mitglieder der Zellen" durch "Anleitungsmaterial" aus der "Auslandszentrale", 2. Phase Werbung neuer Mitglieder und Bildung weiterer Zellen. Verbreitung der Propaganda. 3. Phase Militärische Ausbildung der Mitglieder und Aktionen gegen politische Gegner.

Die gefestigteren NS-Kader wurden in der GdNF als Kaderzentrum eingebunden. Die meisten haben in der »SA«, die die GdNF in ihren internen Papieren als wichtigste Frontorganisation bezeichnet, ihren Treueeid als »politische Soldaten« auf die »NSDAP« geleistet. Während die Propagandazellen ein Betätigungsfeld für heranwachsende Neonazis schaffen, wird über die NSDAP/AO-Zeitungen ("NS Kampruf") seit 1973 zugleich Handfesteres verbreitet: Anleitungen zum Bombenbau, "Werwolf"-Konzepte, "Söldner"-Werbung für den jugoslawischen Bürgerkrieg. 

Gerade an der "Söldner"-Mobilisierung innerhalb der neo-faschistischen westeuropäischen Szene lässt sich ablesen, dass Teile des NSDAP/AO-Netzes sehr wohl über Propaganda hinaus handlungsfähig sind: in erster Linie versorgten NSDAP/AO-nahe Gruppen die neofaschistische kroatische Miliz mit Möchtegern-Kriegern. 

Im Herbst 1993 schrieb der "NS-Kampfruf" an seine deutsche Leserschaft, »daß der bewaffnete Kampf unter dem Zeichen des Werwolfes« eine logische Fortsetzung der Propaganda sei. Im "NS-Kampfruf"4 berichtete 1993 der französische NSDAP/AO-Kamerad Michel Faci vom Kampf nationalsozialistischer Freiwilliger aus Europa in Kroatien sowie von Videoaufnahmen über die NS-Truppe, die zweimal im NSDAP/AO-Fernsehprogramm in Tampa gesendet wurden.

Das Lauck-Urteil hat sicher eine demoralisierende Wirkung, wie sie schon die Inhaftierung der GdNF-Führer Christian Worch und Gottfried Küssel hatte. Doch für Lauck ist überschaubar, wann sich für ihn die Pforten des Hamburger Knastes wieder öffnen.

In der Zwischenzeit betreiben seine Kumpanen in Lincoln den NS-Postvertrieb für ihn. Dank mehr als zwanzigjähriger eher halbherziger Verfolgung durch die Bundesbehörden (trotz diverser Spitzel im Netzwerk) ist zudem die deutsche Neonazi-Szene stark genug, neue Beschaffungs- und Vertriebswege aufzubauen. 

In den letzten Jahren sind Kontakte zu Neo-Faschisten in Osteuropa entstanden oder sogar Druckereien finanziert worden, die NS-Material billiger produzieren. Was die hiesige Szene treffen würde, wären nach dem Lauck-Prozess etwaige NSDAP/AO-Folgeverfahren wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung. Doch diese Paragraph ist in der BRD bisher fast nur gegen Linke eingesetzt worden. Gegen die Abnehmer des NSDAP/AO-Materials folgte nach Laucks Verhaftung zumindest eine Durchsuchungsaktion an 80 Orten. Die Schonzeit gegenüber der NSDAP/AO scheint beendet zu sein.

Zündel in Sorge?

Einen hat der Lauck-Prozess zumindest ins Schwitzen gebracht. Ernst Zündel, ein weiterer wichtiger Lieferant antisemitischen und revisionistischen Materials, hat die kanadische Staatsbürgerschaft beantragt. Doch dies ist abgelehnt worden und Zündel, der gern von Ontario (Toronto) aus Stimmung gegen Immigranten nach Kanada macht, muss mit seiner Ausweisung rechnen. Vor einer Auslieferung in seine alte Heimat, er kommt aus Wildbad-Calmbach (Baden Württemberg), soll ihn wohl die Heirat einer Amerikanerin bewahren. Zündel hat deswegen angeblich die US-Amerikanerin Irene J. geheiratet. Andere Quellen gehen davon aus, das er plant die Autorin und Betreiberin der Zündel-Internetseite („Zündelsite“) Ingrid Rimland zu heiraten.

  • 1

    M. Kühnen: Politisches Lexikon der Neuen Front. Butzbach 1987, S. 186.

  • 2

    VS-Bericht von 1978

  • 3

    The New Order No 119, Nov./Dec. 1995.

  • 4

    Nummer 99 (Ausgabe 1/2 1993