Nationalrevolutionäre und Regionalismus
1815 gründete sich die "Deutsche Burschenschaft", um die "deutsche Einheit" zu erreichen. 1978 gibt der Längen-Müller-Paperback-Verlag in Zusammenarbeit mit dem "Hochschulpolitischen Ausschuß der Deutschen Burschenschaft" und dem "Verein zur Förderung Konservativer Publizistik e.V." das Buch »Nationale Identität« von dem "nationalrevolutionären" Publizisten Henning Eichberg heraus. Das Buch ist ein Plädoyer für den Regionalismus. Soll nun Deutschland wieder in kleine Regionen zerstückelt werden? Weit gefehlt.
"Nationalrevolutionäre" Rechte irgendwo zwischen "Nationaler Aufbruch und Regionalismus" und "Befreiungsnationalismus"
»Das regional Besondere stellt das Nationale nicht in Frage...«
»...sondern bestätigt es. Die Frage, ob ich Bayer bin oder ob ich Deutscher bin, ob ich Sachse bin oder ob ich Deutscher bin, weist mich in jedem Fall daraufhin, daß wir nicht Herrn im eigenen Haus sind. (...) Diese Identität muß uns vielmehr als Kollektiv betreffen, als regionales und nationales Kollektiv. Wir sind eben doch Deutsche.«1 Dieses Zitat des "Nationalrevolutionären" Henning Eichberg zeigt deutlich, was mit der Regionalismus-Ideologie für Deutschland bezweckt wird: Die regionale Identität soll die nationale Identität verstärken.
Für andere Länder verfolgen die »Nationalrevolutionäre« allerdings ein anderes Ziel mit ihrer Regionalismus-Ideologie. Grundlage des rechten Regionalismus-Konzeptes ist eine Theorie, die ursprünglich in der linken Regionalismus-Debatte, die ihre Hochphase in den ausgehenden 1960er und den 1970er Jahren hatte, entwickelt wurde.
Die erfolgreichen Entkolonialisierung-Bewegungen in der sog. Dritten Welt ließen Teile der Linken diese Bewegung auf die Staaten Europas übertragen. Enttäuscht davon, dass die ArbeiterInnen der ihr zugedachten Rolle bei der Umwälzung der Verhältnisse in Europa nicht gerecht wurden, war man auf der Suche nach einem neuen revolutionären Subjekt. Man glaubte es in jenen Regionen Europas finden zu können, an denen der Wohlstand vielfach vorbeiging. Diese Regionen wurden als innere Kolonien, als imperialistisch ausgebeutete und beherrschte Gebiete innerhalb der europäischen Staaten verstanden.
Die strukturelle Theorie des Imperialismus Johan Galtungs2 brachte weitere theoretische Versatzstücke in die Diskussion. Schematisch lässt sich die Struktur des Imperialismus nach Galtung wie folgt darstellen: In diesem Modell besteht eine Aufteilung der Industriestaaten (Metropolen) und der Staaten der sog. Dritten Welt (Peripherie/Randgebiete) in ein jeweiliges Zentrum (Zentrum der Metropolen und Zentrum der Peripherie) und eine jeweilige Peripherie (Peripherie der Metropolen und Peripherie der Peripherie).
Je nachdem, mit welchem konkreten Inhalt diese einzelnen Bereiche gefüllt werden, kann dieses Modell sozialistische oder völkisch-regionalistische Politik begründen.
Wer unter Peripherie in den Industriestaaten und den Staaten der sog. Dritten Welt die von den Zentren (= Kapitalisten) ausgebeuteten Teile der Bevölkerung (= Arbeiterklasse) versteht, wird aus diesem Modell eine sozialistische Praxis ableiten.
Wer aber unter Peripherien räumliche Gebilde, die von unterdrückten Minderheiten, sprich Volksgruppen bewohnt werden, also ethnisch definierte Regionen versteht, die von den Zentren ausgebeutet werden, der wird aus diesem Modell eine Begründung für einen separatistischen Kampf ableiten. Er wird zu dem Ergebnis kommen, dass auch in den Industriestaaten Regionen und Volksgruppen existieren, die imperialistisch ausgebeutet werden und sich daher wie externe Kolonien entkolonisieren können und müssen. Es muss also eine »Innere Entkolonisierung« stattfinden. Es dürfte wohl klar sein, dass die "Nationalrevolutionären" Galtungs Modell völkisch-regionalistisch deuten.
Von dieser Ideologie geleitet, unterstützen sie beispielsweise die Interessen der KurdInnen3 publizistisch. Logischerweise müssen dabei die sozialen Forderungen der KurdInnen verschwiegen werden. Nach Ansicht der "Nationalrevolutionäre" ist der Hauptwiderspruch zwischen den Türken und den Kurden die Nationalität: »Nationalitätenkonflikte sind heutzutage in allen Teilen der Welt nicht mehr von der politischen Bühne wegzudenken. Nordirland, Quebec, Kurdistan und neuerdings Mitteleuropa und die Randgebiete der Sowjetunion sind schwelende Konfliktherde.«4 Der Autor dieser Zeilen dürfte der "nationalflämische Aktivist" Yvo J. D. Peeters sein. Der Autor Peeters publiziert hierfür in der Reihe "Junges Forum", in welcher die "nationalrevolutionäre" geprägte "Deutsch-Europäische Studiengesellschaft" (DESG) Grundlagen zur Aktualisierung des ideologischen Fundaments des Rechtsextremismus liefert. Kaum verwunderlich, denn mittlerweile unterstützen auch die "Nationalrevolutionären" die kurdische Forderung auf ein Selbstbestimmungsrecht vorbehaltlos.
Um eins klarzustellen: Hiermit soll nicht das Recht von KurdInnen auf Selbstbestimmung in Frage gestellt werden. Selbst wenn der Kurdische Befreiungskampf in Teilen sogar nationalistische Züge hat, ist der Widerspruch zwischen vielen KurdInnen und der Türkei vor allem sozialer Art. Der Nationalismus oder sein "kleiner Bruder" der separatistische Regionalismus sind in diesem Konflikt oft nur die Hüllen, unter denen sich das soziale Interesse verbirgt.
Das wahre Ziel der »Nationalrevolutionäre« ist nicht die Selbstbestimmung der Kurden, ebenso wenig, wie das Interesse der Bundesregierung auf eine Selbstbestimmung der Slowenen, Kroaten oder Bosnier im ehemaligen Jugoslawien gerichtet war. Beiden, Bundesregierung und "nationalrevolutionären" Theoretikern ist bei ihrer Politik der Ethnisierung sozialer Konflikte gemeinsam, dass sie versuchen die Länder oder Regionen, in denen sie »innere Kolonien« geortet haben, auf diese Weise zu schwächen, um so perspektivisch im neu geordneten »Europa der Regionen« problemlos als (deutsche) Ordnungsmacht auftreten zu können.
Nun könnte sich die Frage stellen, ob es nicht auch in Deutschland innere Kolonien gibt. Doch Henning Eichberg meint, dass die Deutschen »Selbst ein Minderheit sind, die mit dem inneren Kolonialismus, mit der Entfremdung in den eigene Gehirnen zu kämpfen hat ebenso wie Basken und Indianer.«5
Zumindest für Deutschland gilt: Der Nationalismus steht nicht im Wettstreit mit dem Regionalismus. So konnte Eichberg 1987 die Wiedervereinigung fordern, ohne in Widerspruch zur regionalistischen Ideologie zu geraten: »Die Nationalisierung oder 'Balkanisierung' vollzieht sich - das ist historische Erfahrung - nicht in zufälligen Grenzen, seien sie durch irgendwelche Dynastien, durch militärische Eroberungen oder auch aus durch die Mächte von Jalta geschaffen. Sie setzt etwas voraus, das sich dem Zugriff der Macher bisher entzieht: Völker und Identität. (...) Und das ist die Realität: Es gibt heute kein 'Volk der DDR', ebenso wie es keine 'BRD-Identität' gibt.«6
- 1
"Wir sind eben doch Deutsche"; ein Gespräch geführt von Richard Stöss und Eberhard Knödler-Bunte mit H. Eichberg, in "ästhetik und kommunikation" , 36/1979, S. 125-130
- 2
vgl. Galtung, Johan: Eine strukturelle Theorie des Imperialismus, in: Senghaas, Dieter (HG): Imperialismus und strukturelle Gewalt, Frankfurt/M 1972, S. 29-104
- 3
Wir benutzen hier die KurdInnen als Beispiel. Wir könnten genauso gut Nordirland, Palästina usw. einsetzen.
- 4
Y. J. D. Peeters, Die Innere Entkolonisierung Europas in: Junges Forum 3-4/1989, Sommer 1990, S. 3 -15
- 5
Eichberg, Henning, Abkoppelung, Koblenz 1987,Seite 144
- 6
Eichberg, Henning, Abkoppelung, Koblenz 1987, Seite 146