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»Großrassen, Volksstämme und Erbgesetze« - Regionalismus Marke NS-Szene

Einleitung

Ob rechte Ökologen von einem spirituellen »Bioregionalismus« oder »Nationalrevolutionäre« von »Idenditäten der Regionen« sprechen das Ergebnis bleibt nahezu gleich. Deren Regionalismus ist meistens völkisch und rassistisch. Deutlich wird dies durch das Verhältnis von (Neo)Nationalsozialisten zur Region. Im Gegensatz zu scheinbar modernisierten Floskeln und schönfärberischen Konzepten nehmen sie kaum ein Blatt vor den Mund. Im Kern kommen sie über die Region zur Nation und enden bei einem "arischen, weißen Europa der Volksstämme".

NS Regionalismus
(Bild: Montage mit Titel Faksimile)

Regionalismus von rechts meint meistens: Von der Region zur Nation bis hin zum "arischen, weißen Europa der Volksstämme".

»Prinzip Verschwörung - regionalistische Neukonstituierung der deutschen NS-Bewegung«

Auf die Umstrukturierung der NS-Bewegung in verdeckt arbeitende Kaderzellen und regional organisierten Zusammenhänge weisen wir seit geraumer Zeit hin. Umgesetzt wird dies inzwischen durch das Medienprojekt mehrerer »Zeitungen der nationalen Erneuerung«. Rassismus, Nationalismus, Antiliberalismus, Sexismus oder Antisemitismus werden in regionalistischer Verpackung re- produziert. So schreibt etwa der Journalistik-Student Jürgen Schwab aus Amorbach in altbekannter »Der Stürmer«-Manier im Neonazi-Blatt »Junges Franken« über die jüdische Gemeinde in Bamberg. Dabei zeichnet er von deren Vorsitzenden das antisemitische Bild des »kapitalraffenden Juden«. Neben dem »Jungen Franken« bestehen mit der »Berlin-Brandenburger-Zeitung« (BBZ), der »Neuen Thüringer Zeitung«, der »Mitteldeutschen Rundschau« und der »Westdeutschen Volkszeitung« fünf Publikationen gleicher Machart. Sie erscheinen mit einem weitgehend identischen Mantelteil der mit regional bezogenen Artikeln unterfüttert wird. Dabei fungiert ein bundesweiter Trägerkreis von Neonazis aller organisatorischer Spektren als Herausgeberschaft. In den Regionen werden die Publikationen von örtlichen Strukturen getragen. So sind etwa die »Die Nationalen e.V.« für die »Berlin-Brandenburger-Zeitung« oder der »Deutsche Freundeskreis Franken« für das »Junge Franken« verantwortlich.

Nach den Verboten einiger Neo-Nazi Organisationen in den vergangenen Jahren hat sich die deutsche NS-Bewegung auf dem Weg einer regionalen Strukturierung neu konstruiert. Regionalismus wird dabei weniger inhaltlich gefüllt. Er wird vor allem taktisch, zur leichteren Vermittlung neofaschistischer Positionen vor Ort und zur strukturellen Sammlung verwandt. Im Unterschied zu Organisationsstrukturen, wie sie die »Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front« (GdnF), mit ihrer regionalen Gliederung in "Gaue" und Vorfeldorganisationen a lá »Deutsches Hessen« vorexerzierte, zieht die NS-Bewegung inzwischen weitgehend an einem Strang. So bleibt ein brauner Organisationsbrei mit vielen Namen, der an der Basis geeint ist. In den genannten Zeitungsprojekten stellt sich dieser in der Öffentlichkeit dar.

»Deutschland den Deutschen, aber Friesland den Friesen?«

Regionalismus zieht sich wie ein brauner Faden durch die deutsche NS-Bewegung. Das Thema ist mehr als ein taktisches Mittel von "Stiefelnazis" der Couleur JN oder der NF-Nachfolgeorganisationen. Auch wenn die meisten Anhänger dieser Organisation mit der inhaltlichen Herleitung ihrer Parolen wie »Franken den Franken« oder »Friesland den Friesen« geistig überfordert sein dürften, ist es allemal spannend, die regionalistischen Konstrukte der NS-Bewegung zu beleuchten.

1995 erschien das Buch »Evolution und Wissen - Neuordnung der Politik«1. Entworfen werden darin »Grundsätze einer Nationalen Weltanschauung und Politik«. Der Autor ist das ehemalige Mitglied der "Leibstandarte Adolf Hitler" Herbert Schweiger aus Österreich. Er gilt als einer der führenden Köpfe der deutsch/österreichischen NS-Bewegung und quasi »Übervater« oder eine Art Mentor der verbotenen »Nationalistische Front« (NF). Das Buch ist inhaltlich nichts anderes als eine Art Neuaufguss der Positionen aus Hitlers »Mein Kampf« bzw. eine adaptierte Version des NSDAP-Programms. In seinem politischen Nachlass veröffentlichte Schweiger NS-Rassenlehre: »So weist zum Beispiel das deutsche Volk eine verhältnismäßig enge Blutsverwandschaft auf. Vor allem in den Regionen der Volksstämme sind erbgesetzlich dosierte Verbindungen vorhanden, (...)«.1 Schweiger weist der Region die Rolle der räumlich-genetischen Keimzelle der »Völker« zu. Als kleinste Einheit bemüht er dabei Volksstämme, welche eine Nation gleicher Abstammung bilden würden. Laut Schweiger sei Nationalismus »ein Naturgesetz« und das Verhalten eines Volkes sei geprägt von »Erbgesetzlichkeit«. Dem Individuum dichtet er dabei, Tieren gleich, Instinkte und vererbte Verhaltensweisen an. Diese würden sich aus »Sprache, Kultur, soziale Ordnung, wissenschaftliche und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, verbunden mit der geographischen Lage seines Lebensraumes«1 zusammensetzen. Im Ergebnis kommt der ehemalige Waffen-SSler zu verschiedenen Großrassen und entwirft für Europa die Existenz einer arisch-nordischen Rasse. 

Auf einer ähnlichen Linie bewegen sich auch die »Junge Nationaldemokraten«. Gebärdet sich die Jugendorganisation der NPD nach außen gerne als »nationalrevolutionäre« Organisation, zeigt sich bei ihren »Thesen zum Regionalismus« ihre eigentliche ideologische Ausrichtung als dann doch eher in der Nähe der Nationalsozialisten. »Ein Volk ist eine Gemeinschaft von Gemeinschaften. Eine der tragenden Säulen dieser Gemeinschaft sind die Stämme eines Volkes. (...) Gesunde Familien , intakte Gemeinden und selbstbewußte Stämme werden das unerschütterliche Fundament des Neuen Reiches bilden«2. Und so träumt die JN in ihren Thesenpapieren von einer Art neuen "Nazi-Staat", dessen Verwaltungsgrenzen identisch mit Stammesgrenzen seien. Wie dieser geographisch aussehen soll machen sie unter der Überschrift »Bajuwarische Einheit«3 in der NHB-Publikation »Vorderste Front«4 deutlich. Ausgangspunkt ist ein völkischer Nationalismus, nach dem jedes Individuum Teil eines Kollektivs (d.h. »dem Stamm und dem Volk und schließlich der Rasse«5) sei. »Viel interessanter für eine Anschlußpropaganda ist der Umstand, daß nördlich der Landesgrenzen nicht irgendwelche Deutschen wohnen, sondern Deutsche von genau dem selben Stamm wie die Österreicher selbst, nämlich Bajuwaren. Nördlich des oberschwäbischen Bundesland Vorarlberg leben auf bundesdeutscher Seite ebenfalls Oberschwaben. Es gibt keinen nennenswerten Unterschied in Dialekt und Lebensauffassung. (...) Die Staatsgrenze zwischen Bayern und Österreich ist so absurd wie es die kürzlich gefallene zwischen den niederdeutschen Ländern Schleswig-Holstein und Mecklenburg, über Jahrzehnte hinweg war.«6 Im Klartext fordern die JN/NHB-Netzwerke auf der Grundlage des Regionalismus den Anschluß Österreichs an Deutschland.

Aber mehr noch, über den Hebel des Regionalismus wird die Argumentation, dass überall wo »deutsche Volksstämme« leben würden auch Deutschland sei, entworfen. Dies findet sich in zahlreichen Artikeln der JN zum Thema Regionalismus wider. Das Ende vom Lied wäre demnach ein Deutschland der Regionen von "der Maas bis an die Memel" und von "der Etsch bis an den Belt".

Terror im Zeichen der Region

Regionalismus-Konzepte dieser Machart bilden oft genug die Grundlage für den Terror von Neonazis. Erinnert sei hier an den Briefbombenterror, der ab Dezember 1993 in Österreich verbreitet wurde. Hier diente einer »Bajuwarische Befreiungsarmee« Regionalismus als Begründung für ihre Anschläge und Morde. »Deutsch-Österrreich als Stammesgebiet der Bajuwaren benötigt keine Ausländerindustrie, bestehend aus Ausländerlobbyisten (...) und Menschenzüchtern nach dem Vorbild des marxistischen Einheitsmenschen« verbreiteten sie 1995 in einen Bekennerschreiben.

Bombenattentate haben bei der österreichischen NS-Szene eine lange Geschichte. Im Mittelpunkt der terroristischen Aktivitäten steht dabei ein sogenannter »Südtiroler Freiheitskampf«. Dabei wurde versucht, der Forderung eines Anschlusses Südtirols an Österreich mit Waffengewalt Nachdruck zu verleihen. Bereits in den 50er Jahren kam es zu einzelnen Bombenattentaten. In der Nacht vom 11. auf den 12. Juni 1961 jagten Mitglieder eines »Befreiungsausschuss Südtirol« (BAS) 37 Strommasten in die Luft und ermordeten dabei einen Menschen. Dies bildetet den Auftakt zu einer Serie von Sprengstoffanschlägen, die bis 1967 andauerte. Teile der damaligen BAS-Aktivisten stammten aus völkischen Kreisen: Peter Kienesberger (NDP, Brixia), Heinrich Bünger (Köln) und Rigolf Hennig (REP, Deutsche Liga). Der BAS bzw. deren Unterstützerkreis rekrutierte sich auch aus dem Dunstkreis der Wiener Burschenschaft »Olympia« und der Innsbrucker »Brixia«. Zu den selbsternannten »Südtiroler Freiheitskämpfern«, die auch von der Erlangener Europaburschenschaft »Germania« unterstützt wurden, gehörte vor allem Norbert Burger. Der zeitweilige Vorsitzende der österreichischen NDP wurde 1970 von einem italienischen Gericht in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Laut dem ehemaligen Innenminister von NRW, Herbert Schnoor, war Burger, der 1992 starb, nämlich die »graue Eminenz« der Düsseldorfer »Hermann-Niermann-Stiftung«. Die 1977 vom bundesdeutschen Industriellen Hermann Niermann errichteten "Gemeinnützigen Hermann-Niermann-Stiftung" will u.a. "(...) die Förderung der Völkerverständigung durch Unterstützung der kulturellen und wissenschaftlichen Belange ethnischer Minderheiten (...)" und verfolgt die Aufgabe, "(...)solche deutsche Volksangehörige zu unterstützen, die aus einem Gebiet (Land), in dem sie eine Minderheit darstellen, in das deutsche Sprachgebiet übersiedeln (...)". Burger war schon vor Stiftungsgründung Berater des Stifters Niermann. Sein Beratervertrag ist (angeblich) 1986 gekündigt worden. Auch die völkischen Kader Erhard Härtung (NDP, "Kameradschaft der ehemaligen Südtiroler Freiheitskämpfer") und Herwig Nachtmann (Aula Verlag) übten zeitweilig als "Kuratoriumsmitglieder" Einfluss auf die »Hermann-Niermann-Stiftung« aus. Herwig Nachtmann ist wie Burger "vom Fach" und kassierte 1970 ebenfalls eine Verurteilung in Abwesenheit durch das Florenzer Schwurgericht im Rahmen eines sog. „Südtirol-Prozesses". Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung, das Aufsicht über die Verwendung des Vermögens führen sollte, wurde der ebenfalls politisch aktive August Freiherr von der Heydte. Die mit Millionen ausgestattete Stiftung behauptet von sich selber die »Lage der ethnischen Minderheiten verbessern« und »der Völkerverständigung und Menschlichkeit« dienen zu wollen. Trotz der »schönen« Worte steht die Stiftung seit Jahren im Verdacht, Terroristen zu unterstützen. So prüfte etwa die Bozener Staatsanwaltschaft, ob Geld der "Niermann-Stiftung" an die Terrorgruppe »Ein Tirol« geflossen ist. Diese hatte 1986 bis 1988 über 40 Anschläge verübt. Auch die militant-völkische elsässische Separatisten-Gruppe "Schwarze Wölfe" soll möglicherweise Gelder bekommen haben.

"Europa der arischen Identität und Regionen"

Für Neonazis hat Regionalismus immer eine europäische Komponente. Das Konstrukt einer »Nation Europa« der arischen Volksstämme unter deutscher Führung, wie es von der Waffen-SS propagiert wurde ist dabei erklärtes Ziel. Zu dessen Umsetzung haben sich jedoch die Formulierungen geändert. Scheinbar antiimperialistische Parolen wie »Selbstbestimmungsrecht der Völker« oder die Formulierung »Nationale Identität« und »Ethnopluralismus« sind als Platzhalter für Apartheid, Rassendenken und Volksgemeinschaft eingeführt worden. 

Einer der Wortführer der "nationalrevolutionären" bis faschistoiden Wortklauberei ist der ehemalige NHB-Unterstützer Henning Eichberg. Seine Regionalismus-Konzeption dienen der NS-Bewegung in weiten Teilen als theoretische Grundlage. So spricht er davon, »(...) daß die Identitätssuche für den Einzelnen in seiner ureigensten Heimat ermöglichen und so einen völkischen 'Nationalismus allergrößter kultureller Pluralität zustande bringen soll (...)«7. Im Kern kommt Eichberg zu der Strategie eine nationale Identität des Einzelnen über die Region zu wecken, um im weiteren so eine Identifikation mit Deutschland und Rasse zu erzielen (Volk - Nation - Europa). 

Eichbergs faschistoide Regionalismus-Konzeption findet sich deutlich bei der JN wieder. »Das nationalistische Europa der Zukunft wird ein Europa der nationalen und regionalen Lebensräume sein. Allein die Völker und ihre Regionen werden die Träger der politischen Souveränität sein. Von ihnen gehen alle demokratischen Entscheidungen auf der Grundlage der nationalen und regionalen Selbstverwaltung aus«8, schreiben diese in ihren "Thesenpapieren" und dürften damit doch nur ein Europa der Regionen und der arischen Großrasse meinen.

CSU klingt nach Eichberg

Wer allerdings glaubt, Regionalismus wie ihn Eichberg formuliert kommt nur bei völkischen Neonazis alleine an, der irrt. So erinnert die Terminologie wie sie der ehemalige bayrische Ministerpräsident Max Streibl (CSU) gebrauchte doch auch stark an Eichberg. Und so stellt sich Streibel sein »Europa der Regionen« vor, » (...) daß durch Förderalismus und Subsidarität seine historisch gewachsene Vielfalt, seinen ungeheuere Schaffenskraft und seine geistigen kulturellen Reichtum bewahrt und unter Rückbesinnung auf die gemeinsame Geschichte und Kultur sowie die gemeinsamen Werte seine friedliche Zukunft selbst bestimmt (...)«9.

  • 1a1b1c

    Herbert Schweiger (Mürzzuschlag): »Evolution und Wissen - Neuordnung und Politik«, Hrsg.: »Arbeitsgemeinschaft für Philosophie, Geschichte und Politik«, 1995. Satz: H. Schatzmayr. Druck: J.P. Himmer GmbH (Augsburg).

  • 2

    Thesenpapiere der JN, »Thesen zum Regionalismus«

  • 3

    "Vorderste Front", Nrummer 3, S. 23

  • 4

    Das gemeinsame Theorieorgan der JN und des "Nationaldemoraktischen Hochschulbundes" (NHB) ist die "Vorderste
    Front" (VF). Verantwortlich ist Martin Laus (München).

  • 5

    "Vorderste Front", Nummer 2/1991.

  • 6

    Vorderste Front, Nummer 3, S. 23

  • 7

    Henning Eichberg, zit. in Wunsiedel: Kristalisationspunkt der gesamten faschistischen Bewegung, »Die 'Neue Rechte' - uralt und dennoch im Blick der F/Antifas«, von Kurt Ohrowski, Kiel, 1992, S. 28.

  • 8

    Thesenpapiere der JN, »Thesen zum Nationalismus«, S. 10

  • 9

    Max StreibI »Aus der Zukunft und Vielfalt« im Bayernkurier Mai 1990, zitiert in Europäische Orientierung, Hrg. Hans Joachim Fieber, Michael Preußler, Berlin, Brandenburgisches Verl.-Haus, 1990, S. 85