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Rechter Regionalismus - eine Einführung

Einleitung

Ein provokantes und etwas klischeebeladenes Gedankenexperiment: Im Jahr 2010 ist die völkische Neuordnung Europas fast vollendet. Das Ruhrgebiet hat sich aus dem deutschen Staatsverband verabschiedet und ist eine autonome Region der deutschen Polen geworden. Berlin-Kreuzberg hat gleichfalls der BRD den Rücken gekehrt und sich zur Republik der Deutschtürken erklärt und Lothar de Maizere ist wieder Staatschef, diesmal des Freistaates der Hugenotten in der Region Potsdam. In Frankreich haben sich einige Pariser Vorstädte unter dem grünen Banner des Islams selbständig gemacht und auch in den Niederlanden gärt es in einigen Regionen, die Siedlungsschwerpunkt der Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien sind.

Rechter Regionalismus
(Bild: Montage mit Titel-Faksimile und Screenshot YouTube; ina.fr)

(Rechter) Regionalismus hat viele Akteure. Mit Brille Guy Héraud.

Nein, so soll die Zukunft Europas, ginge es nach dem Willen konservativer und neofaschistischer Regionalismus- und Volksgruppentheoretiker, keinesfalls aussehen. Zwar wollen sie ethnisch homogene Einheiten schaffen und fördern, die auch die Möglichkeit besitzen sollen, sich aus den bestehenden Staaten auszugliedern und neue Staaten zu bilden, doch gilt dieses Recht selbstverständlich nur für sog. »autochtone Völker«, mit dem »Boden verwurzelt, ihm blutsmäßig zugehörig«. Nur dann, so diese Theoretiker, kommen sie in den Genuss des Volksgruppenrechts. Schnell sieht die Zukunft ganz anders aus: Deutschland ist plötzlich ein Musterknabe, was den Schutz von Minderheiten anbelangt. Die Kultur der wenigen Friesen, Sorben und südschleswiger Dänen wird gehätschelt und gepflegt. Man kann sich dies leisten, geht doch von diesen Volksgruppen in keiner Weise eine Bedrohung der territorialen Integrität Deutschlands aus. Aber was ist mit den anderen Staa- ten? Sind nicht Frankreich, Italien, Belgien, Großbritannien usw. Völkergefängnisse, wie einst Jugoslawien und Rußland noch immer?

Regionalismus als paneuropäische und großdeutsche Interessenspolitik

Mangelnde Logik eines Konzeptes ist, wie so oft, ein Indiz dafür, daß es nicht um das Konzept an und für sich geht, sondern vielmehr um Interessenpolitik. Die Förderung sog. Volksgruppen in anderen europäischen Staaten bedeutet für Deutschland, das als weitgehend ethnisch homogen gedacht wird, eine Steigerung seines Gewichts im europäischen Vergleich.

Ebenso dienen Deutschland die zu einem größten Teil auf »ökonomischem Interessen basierenden Euro-Regionen als Brückenköpfe deutscher Interessen in andere Staaten hinein. Hier wirkt deutsche Wirtschaftspolitik bei Umgehung der staatlichen Ebene der Nachbarn, direkt über die Grenzen hinweg. Weiter soll ein »Europa der Regionen« eine neue Supermacht Europa schaffen, mit der sich die Menschen identifizieren können. Ihre regionale »Verwurzelung« soll ihnen die Möglichkeit zur kritischen Distanzierung von der projektierten ökonomisch-militärischen neuen Supermacht Europa nehmen. Sie sollen so an eine europäische Identität herangeführt werden. Mit dieser pan(=groß)-europäischen Identität in den Köpfen der Menschen, die aus den Regionen wachsen soll, geht man dann an weltweite Interessenpolitik heran.

Gegner sind der zukünftige panamerikanische und der panasiatische Machblock. Deutschland wird, wenn dieses Konzept Realität werden sollte, Führungsmacht im europäischen Machtblock sein. Paneuropa und Großdeutschland schließen einander also nicht aus, sondern das eine ist Instrument und Voraussetzung des anderen.

Regionalismus ein Konzept der »Neuen Rechten« von 1871

Vielfach wird ein »Europa der Regionen« als ein Konzept der »Neuen Rechten« angesehen. Es ist zwar richtig, dass "Nationalrevolutionäre" wie Henning Eichberg und Wolfgang Strauß oder "neurechte" Vordenker wie Alain de Benoist, Pierre Krebs oder Guillaume Faye dieser Form des Regionalismus anhängen, aber sie legen dieses Ordnungskonzept nur neu auf. 

Regionalismus, wie er in diesem Spektrum dargelegt wird, ist nichts weiter als die spezifisch deutsche Form des völkischen Imperialismus. Dieser deutsche Imperialismus musste sich, wollte er in einer weitgehend bereits in Einflusssphären aufgeteilten Welt seinen »Platz an der Sonne« erkämpfen, Methoden bedienen, die es ihm ermöglichten, den Gegner zu schwächen und die erwünschten Einflusszonen in handliche Stücke zu zergliedern. »Der Tag ist gekommen. (...) Die Geschicke ganzer Völker sind erneut zur Entscheidung gebracht. Mächtige Länderstrecken an unserer Grenze sind frei geworden. Neu entstehende Staatengebilde bedürfen der Anlehnung und des Schutzes. Dort hat keiner so ein gutes Recht wie wir. Wir sind ihre Nachbarn und Befreier. (...) Das Recht war mit uns, als wir das russische Reich in Stücke schlugen; das Recht war mit uns, als wir den befreiten Völkern ihre nationale Freiheit verbürgten«.1 Klingt ziemlich aktuell oder? Ist aber ein Zitat aus dem deutschen Kaiserreich und stellt die Quintessenz des deutschen Imperialismus dar, die Prinz Max von Baden in einer Denkschrift aus dem Jahre 1918 darlegt.2 

Diese Denkschrift wiederum bezieht sich auf Konzepte, aus dem "Auswärtigen Amt", wo Paul Rohrbach die sog. »Orangentheorie« entwarf. Es ging um die Zerlegung des russischen Reiches in seine »natürlichen, geschichtlichen und ethnographischen Bestandteile: »(...)Wie diese Frucht aus einzelnen leicht voneinander lösbaren Teilen besteht, so das russische Reich (...); man braucht diese nur voneinander abzulösen und ihnen eine gewisse Autonomie zu geben, so werde es leicht sein, dem russischen Großreich ein Ende zu bereiten.«3

Auf nichts anderes als auf diese »Orangentheorie« des spezifisch deutschen »ethischen« Imperialismus beruhen die programmatischen Aussagen des vermeintlich »neurechten Nationalrevolutionärs« Wolfgang Strauß ("Aktion Neue Rechte"), wenn er über seine Vorstellung von der »Befreiung« im Osten schreibt. Seine Idee der nationalen Befreiung der Völker vom »kommunistischen und großrussischen Joch« ist die konkretisierte "Orangentheorie".

Trotz dass all dies längst bekannt und verstanden sein müsste, fallen Teile der Linken auf diesen »ethischen« Imperialismus herein und solidarisieren sich undifferenziert auch mit den völkischen Akteuren in nationalistischen oder regionalistischen Separatistenbewegungen. Die Krone aufgesetzt wird dem Ganzen, wenn das eigenen Unvermögen zur Analyse des spezifisch deutschen Imperialismus dazu führt, ihn als Querfrontstrategie einer »Neuen Rechten« auszugegeben.

"Bioregionalismus" oder »Blut und Boden«-Ideologie auf ökologisch

Aber nicht allein bezüglich "national-revolutionärer" Tendenzen und ihrer Auffassung von Regionalismus gab und gibt es Überschneidungen nach Links. Verstärkt und aktuell von besonderer Bedeutung existieren sie auch im Zusammenhang mit ökologisch orientierten Gruppen. Am Beispiel des "Bioregionalismus" ist sowohl eine inhaltliche als auch organisatorisch-personelle Überschneidung zwischen grün-braunen oder ökofaschistischen Gruppen und Personen und Ideologien und Organisationen (z.B. Teilen von "Earth First") in denen VeganerInnen aktiv sind zu erkennen. Bis in die PDS gehen über diese Schiene regionalistische Konzepte von öko-völkischer Seite.4

Tendenzen, dass über die Ideologie des "Bioregionalismus" öko-faschistische Positionen in breite Kreise der Öffentlichkeit der BRD einsickern, gilt es für die antifaschistische Bewegung entgegenzutreten. Es gilt einer Entwicklung, wie in den USA entgegenzutreten, wo "Bioregionalismus" bereits zum bestimmenden Konzept innerhalb der Ökologie-Bewegung geworden ist.

Regionalismus nichts als eine Hülle diverser Spezialinteressen

Weshalb der Regionalismus eine solche Verbreitung fand, lässt sich am von Andreas Mölzer (FPÖ, "Die Aula") und Jürgen Hatzenbichler ("Nationale Front", FPÖ, "Die Aula") herausgegebenen Buch »Europa der Regionen«5 exemplarisch nachvollziehen. Sie selbst formulieren einen Regionalismus, den folgende Aspekte kennzeichnen: Im wesentlichen beziehen sie sich auf eine Einteilung der Regionen entlang völkisch-ethnischer Kriterien. Ökonomische motivierte Regionalismus-Konzepte sind für sie nur zweitrangig. Ökologisch motivierten bioregionalistischen Ansätzen erteilen sie in sofern eine Absage, als sie unter ihnen lediglich eine Zusammenarbeit in Sachen Umweltschutz über den Grenzen hinweg verstehen. Bioregionalistische Inhalte im eigentlichen Sinne finden sich bei ihnen nicht. 

Sehr gut kann am Buch Mölzers und Hatzenbichlers aber nachvollzogen werden, dass Regionalismus ganz ähnlich dem Nationalismus nur eine Hülle ist, unter der sich verschiedene Spezialinteressen verbergen. So ist das Interesse, das der Autor Umberto Bossi von der italienischen "Lega Nord" zum Regionalisten werden ließ, ein wohlstandschauvinistisches. Bossi geht es darum, den ärmeren italienischen Süden abzuschütteln und Argumente, in denen er das organisierte Verbrechen, also die Mafia, gegen die es sich abzuschotten gelte, thematisiert, sind seine populistische Munition bei der Durchsetzung dieses Interesses. Das gleiche Muster findet sich in den Positionen des Autoren und Vorsitzenden der sozial-demokratischen Partei Sloweniens ("Slovenska demokratska stranka") Jože Pučnik. Sein Interesse als Slowene am separatistischen Regionalismus war die Herauslösung Sloweniens aus dem jugoslawischen Staatsverband. Zielperspektive hier: die Aufnahme Sloweniens in die EG. Ohne eine Loslösung vom jugoslawischen Staat wäre eine Aufnahme Sloweniens in die reiche Gemeinschaft der EG-Staaten ebenso undenkbar, wie die Kroatiens. Das Interesse von dem Autoren Christian Waldner als ehemaliger Vorsitzender der Jugendorganisation der "Südtiroler Volkspartei" und jetziger Vorsitzender der Südtiroler "Die Freiheitlichen" liegt darin »wieder zum Vaterland Österreich« zurückzukehren. Da aber eine Forderung nach direktem Anschluß nicht sehr populär war, »forderte man nun einen Freistaat Südtirol.«6 

Um die Nation Europa sorgt sich der Volksgruppenexperte Guy Héraud. Héraud kandidierte bei der Präsidentschaftswahl 1974 für die "Parti Fédéraliste Européen de France". Ziel seines Regionalismus ist es regionale Identitäten zu fördern, die dann zur europäischen Identität zusammenwachsen. In seinem Vortrag, den er vor dem von den "Die Freiheitlichen" mit organisierten "Kongress der Volksgruppen" hielt, ging es ihm darum, »tiefe Strukturen, die ein kollektives Unbewußtes der Völker offenbaren«, einen »zweiten genetischen Code« ins Feld zu führen, um ein Europa der Volksgruppen und Regionen zu fordern. All diese pseudowissenschaftlichen Argumente dienen ihm letztlich aber nur dazu, »die Souveränität auf eine höhere Ebene, auf Europa, zu verlegen.«7

Es geht ihm darum die künftige Supermacht Europa nach innen heimelig zu gestalten, auf dass die Menschen in dieser Supermacht sich mit ihr identifizieren.

Das Erfolgsrezept des Regionalismus und nationalistischen Separatismus ist es, ein Konzept für Alle zu sein: Wohlstandschauvinisten und anti-imperialistische Entkolonialisierer, Ökologen und Revanchisten, Paneuropäer und provinzielle Volkstümer, sie alle können sich für den Regionalismus erwärmen.

  • 1

    Prinz Max von Baden: Denkschrift über den ethischen Imperialismus vom 20.3.1918, zitiert nach: Opitz, Reinhard (Hg): Europastrategien des deutschen Kapitals 1900-1945, Bonn 1994, S.437f.

  • 2

    Mogk, Walter: Paul Rohrbach und das »Größere Deutschland«. Ethischer Imperialismus im Wilhelminischen Zeitalter, München 1972, S. 19, zitiert nach: ebd., S.42

  • 3

    vgl. dazu: z.B. Strauß, Wolfgang: Revolution gegen Jalta, insb. das Kapitel »Völkerfrühling im Vielvölkerstaat«, Berg am See 1982.

  • 4

    So diskutierte z.B. Lothar Bisky (PDS) im April öffentlich mit Rudolf Bahro (Autor im Blatt "wir selbst") und fand, als dieser sein Konzept ausbreitete, dass ihn in der Hauptsache nur die mystischen Aspekte der Positionen Bahros stören würden.

  • 5

    Mölzer; Hatzenbichler: Europa der Regionen, Graz 1993

  • 6

    Waldner, Christian: Europäische Region Tirol, in: Europa der Regionen.

  • 7

    alle Zitate aus: Héraud, Guy: Ein Europa der Völker und Regionen, in: ebd., S. 29ff.