Sudetendeutsche als fünfte Kolonne des III. Reiches
Die tschechische Regierung soll die Ausweisung der Sudetendeutschen - die 1945 dem Potsdamer Abkommen entsprechend vorgenommen wurde - als Unrecht anerkennen, den Nachkommen der Vertriebenen ein »Recht auf Heimat« gewähren - sogar Entschädigung wird gefordert. Damit setzt Deutschland Tschechien unter Druck. Der starke Einfluss der »Sudetendeutschen Landsmannschaft « (SL) auf die Regierungsparteien ist ein wichtiger Grund für diese harte Linie. Die SL vertritt die Position, das Münchner Abkommen von 1938, in dem die Angliederung der sudetendeutschen Gebiete an den NS-Staat bestimmt wurde, habe noch immer Gültigkeit. Ähnlich lautet die Position der Bundesregierung. Sie meint im Gegensatz zu den anderen Unterzeichnerstaaten, das Münchner Abkommen habe erst mit der Zerschlagung der »Rest-Tschechei« seine Gültigkeit verloren. Das »Recht und Gesetz« des Jahres 1938 ist die Grundlage ihrer Forderungen. Chaim Frank, Mitarbeiter des Dokumentationsarchives für jüdische Kunst, Kultur und Geschichte, meint: »Wer nach 'Recht und Gesetz' des Jahres 1938 schreit, ist nicht nur ein Revisionist, sondern gleichzeitig auch ein Faschist.«
Die deutschen Medien suggerrieren in der Regel, die Ausweisungen seien die blutige Rache der Tschechen für den SS-Terror der Besatzungszeit - kollektive Strafe, die auch Unschuldige traf. Doch die eigentliche Vorgeschichte für die »Vertreibung« beginnt nicht mit dem Massaker von Lidice. Die Sudetendeutschen ließen sich in großer Zahl als Instrument der deutschen Aggression mißbrauchen. Die deutsche Minderheit in der Tschechoslowakischen Republik (CSR) diente als Instrument der Desintegration dieses Staates. Zeitgenossen, die Opfer dieser Aggression geworden waren meinten, die Sudetendeutschen - von denen viele so gern »heim ins Reich« wollten - würden auch in Zukunft eine Gefahr für den Bestand der Tschechoslowakei sein. Diese Vorgeschichte soll der folgende Artikel nachzeichnen.
Nach der Okkupation des Sudetenlandes durch die deutschen Faschisten gönnen sich Adolf Hitler und Teile der NS-Führung eine Imbiss-Pause mit Konrad Henlein (neben ihm mit Brille).
1918 zerfiel das Habsburger Reich. Eines der Zerfallsprodukte war die CSR, mit deren Gründung im Rahmen der Verträge von Versailles und St. Germain auch die sudetendeutsche Geschichte beginnt. Die deutschsprachige Bevölkerung in der CSR (1920: 3,1 Millionen Menschen bei einer Gesamtbevölkerung von 13,6 Millionen) bezeichnete sich nun als »Sudetendeutsche«. Innerhalb dieser Gruppe regte sich Widerstand gegen die Verträge, die u. a. die Bildung eines Großdeutschen Reichs unter Einschluss Österreichs und der deutschsprachigen Gebiete in der CSR verboten. Sudetendeutsche Politiker forderten den Anschluss, weil jene Gebiete wirtschaftlich stark mit Österreich und Deutschland verflochten waren. Die großdeutsche Variante wäre für sie vorteilhaft gewesen.
Außerdem fürchteten sie um ihre politische, soziale und ökonomische Vormachtstellung, die sie in der CSR kaum würden behaupten können. Keineswegs konnte von einer Unterdrückung des deutschsprachigen Bevölkerungsteils der CSR gesprochen werden: »Die Stellung der Sudetendeutschen in der Tschechoslowakei konnte trotz ihrer ablehnenden Einstellung zum tschechoslowakischen Staat mit der Stellung aller übrigen nationalen Minderheiten, wo immer in Europa, nicht verglichen werden. Außer dem Monopol der Staatsgewalt behielten sie im wesentlichen alles, was sie in Österreich-Ungarn besessen hatten«, so der Historiker Dr. Vaclav Kral.
Völkisch-faschistische Organisationen agitieren unter den Sudetendeutschen
Völkisch-national gedeutet und aufgeladen wurden die Motive der Ablehnung der CSR durch die "Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei" (DNSAP) . Sie pflegte konspirative Beziehungen nach Deutschland. DNSAP-Führer Hauptgeschäftsführer Krebs schreibt: »Schon im Jahre 1919 hatte die zeitweise auch über die Grenzen herüberwirkende völkische Bewegung im Reich unsere Aufmerksamkeit gefunden. Die Geschichte des sudetendeutschen Freiheitskampfes ist auf das engste mit dem Nationalsozialismus Adolf Hitlers verknüpft. Wenn gleich wir aus staatlichen und außenpolitischen Gründen niemals eine organisatorische Gemeinschaft mit den Nationalsozialisten im Reich haben durften«. Daneben wurden breite Teile der Minderheit in völkischen bündischen Jugendorganisationen, sudetendeutschen Studentenorganisationen und völkischen Turnvereinen indoktriniert. Insbesondere letztere, unter dem hauptamtlicher Turnlehrer des größten Vereins im "Deutschen Turnverband" und späteren Führer der "Sudetendeutschen Heimatfront" Konrad Henlein, wurden ein Hort des völkischen Revanchismus.
"Verband Volkssport" als SA-Kopie
In den Turnvereinen galt das Führerprinzip, politische Schulung wurde Teil jeder Turnstunde. Turnen wurde in den Dienst der »Wehrhaftmachung« der männlichen Vereinsmitglieder gestellt, während es die Frauen auf ihre Funktion als Gebärende des sudetendeutschen Nachwuchses vorbereiten sollte. Turnstunden wurden zu Wehrsportübungen, diese weiteten sich zu paramilitärischen Manövern aus, an denen jeweils mehrere hundert oder gar tausend Turner teilnahmen. Mit der deutschen SA fanden gemeinsame Übungen statt. So im Januar 193 im gemeinsamen Grenzgebiet, bei der die SA-Angehörigen über die Grenze auf tschechoslowakisches Gebiet vordrangen.
Dass diese als »Gauwehrturntage« bezeichneten Manöver 1931 durch die CSR verboten wurden, kann nur als nachvollziehbar gewertet werden - wie auch der 1932 bis 1933 geführte Prozess gegen diese »Volkssport-Organisation« namens "Verband Volkssport" ("Svaz Lidového sportu"). Sie war 1929 in Anlehnung an die SA von der DNSAP gegründet worden. Zum Führer des 5000 Mitglieder umfassenden Verbandes wurde der Fulneker Bürgermeister Leo Schubert gewählt. Seine Stellvertreter wurden Hans Krebs, dem die politische Führung oblag, und Paul Illing, der für die Organisation zuständig war. In den Prozess wurden auch einige Führer der DNSAP und der "Deutsche Nationalpartei" (DNP) einbezogen. Am 23. Februar 1933 hob das tschechoslowakische Parlament die Immunität der DNSAP-Abgeordneten Hans Krebs, Jung, Leo Schubert und Rudolf Kasper auf. Hans Krebs, Karl Viererbl und Rudolf Jung flüchteten nach Deutschland. Einem Verbot zuvorkommend, lösten beide Parteien sich im September 1933 selbst auf.
Sudetendeutsche auf dem Weg in die deutsche »Volksgemeinschaft«
Nur eine Woche darauf konstituierte sich die "Sudetendeutsche Heimatfront" (SHF) unter Konrad Henlein. Sie war eine Nachfolgepartei von DNSAP und DNP, verbreiterte aber zusätzlich durch die Mitglieder des Turnverbandes die Basis für völkisch-faschistische Politik. Die Führung der SHF rekrutierte sich zum größten Teil aus den Reihen des elitären »Kameradschaftsbundes« (KB).
Sie agierte klüger, als die sudetendeutschen Dependancen der NSDAP, und sie besaß Freunde im NS-Staat mit großen Erfahrungen in der Steuerung auslandsdeutscher Organisationen: die Funktionäre des »Volksbund für das Deutschtum im Ausland« (VDA) um Hans Steinacher. Sie hatten im »Volksdeutschen Rat« (VR) Karl Haushofer eine erste Koordinierungsstelle für Volkstumsarbeit des NS-Staates geschaffen. Der VDA konnte in einer Weise agieren, wie es für die Gliederungen der NSDAP nach 1933 kaum mehr möglich war. Er war ein scheinbar privater Verein; gleichwohl - wie auch heute - eine Agentur der verdeckten deutschen Außenpolitik. Der VDA-VR, dessen treibende Kraft Hans Steinacher war, stand unter der Protektion von Rudolf Heß. Ab 1934 sollte er die Kontrolle über die sudetendeutschen Angelegenheiten übernehmen. Heß betonte, »daß die Wirkungsmöglichkeit des Verbandes umso größer ist, je mehr er sich nach wie vor freizuhalten versteht von Einflüssen des offiziellen Deutschland, gleichgültig ob diese sich in Regierung oder Parteigebilden verkörpern«. Steinacher beschrieb die Strategie des VDA als die eines Volksbundes, „(...)der als nicht regierungsamtliche Organisation auch dort für seine Volksbrüder einzutreten vermag, wo […] [die] Partei dies aus politischen Gründen nicht tun kann. Darüber hinaus sind die Führer des VDA ohne Zweifel Nationalsozialisten des Geistes und nicht nur der Partei, und schließlich ist das wahre VDA-Mitglied ein wahrer Nationalsozialist (…).“
SHF + VDA = SdP
Steinnacher baute ein Netz von Mittelsleuten auf, z. B. um verdeckt finanzielle Transaktionen zwischen dem Reich und der SHF zu tätigten. Zum Testfall für die Zusammenarbeit von VDA-VR und SHF wurde die Wahl zum CSR-Parlament 1935. Die SHF, nun unter dem Namen »Sudetendeutsche Partei« (SdP), wurde über den VDA-VR mit großen Geldsummen ausgestattet. Sie konnte so einen grandiosen Wahlkampf leisten. Mehr als 60 Prozent der sudetendeutschen Bevölkerung wählte die faschistische SdP, die jetzt die stärkste Partei in der CSR war.
SdP bei Sudeten auf Erfolgskurs
Die SdP wußte in ihrer Propaganda die ökonomische Krise in der CSR, die die sudetendeutschen Gebiete besonders hart traf, auszunutzen. Der Minderheit wurde suggeriert, der tschechoslowakische Staat würde bewusst den ökonomischen Niedergang der sudetendeutschen Gebiete forcieren. Ursache war jedoch die Orientierung der Region auf die Märkte Österreichs und Deutschlands. Die Henlein-Partei profitierte auch vom »Glanz« des NS-Regimes, weil sie zu Recht als Statthalter der NSDAP gesehen wurde. Mit der Wahl von 1935 war die Mehrheit der Sudetendeutschen ins faschistische Lager geschwenkt. Dabei wussten die Sudetendeutschen sehr wohl von den Zuständen im Reich. KZ's, rassistische und politische Verfolgung waren bekannte Tatsachen: Die CSR gewährte Flüchtlingen aus Deutschland Asyl, durch die in der deutschen Minderheit publik wurde, wie man im dort mit politischen Gegnern und Juden verfuhr. War ihnen also das NS-Terrorregime ganz recht, oder nahmen sie es billigend in Kauf, um am ökonomischen Aufschwung in Deutschland teilzuhaben? Was auch immer die Motive waren, es sind die von Faschisten, entweder als Überzeugungstäter oder Mitläufer. Ein Verbot der SdP war nun sehr schwierig geworden. Sie agierte auch noch nicht offen als 5. Kolonne des NS-Faschismus, forderte noch nicht den Anschluss an Deutschland: das NS-Regime war darauf angewiesen, nach außen als friedliebend aufzutreten, um ungestört jene militärische Stärke entwickeln zu können, die es für eine aggressive Außenpolitik benötigte.
Aus Volkstums-Organisationen werden Terrorverbände
1938 war es dann so weit. Nach der Annexion Österreichs im März 1938, wandte sich der NS-Staat der CSR zu. Wirtschaftliche Expertisen lagen bereits auf dem Tisch, als die Wehrmacht in die Tschechei einmarschierte. Militärisch wichtig sei, so Hitler, dass mit der Zerschlagung der CSR große Mengen deutscher Truppen für andere Aufgaben frei würden. Die annektierten Gebiete sollten das Menschenmaterial für über zwölf Divisionen sowie Nahrung für fünf bis sechs Millionen Menschen liefern. »Es ist mein unabänderlicher Entschluß, die Tschechoslowakei in absehbarer Zeit zu zerschlagen«, eröffnete Hitler am 30. Mai 1938 seinen Oberkommandierenden. Statt einer militärische Okkupation wurde in Angriff genommen, was ein NS-Außenpolitiker die »chemische Auflösung der CSR« nannte: Ihr »Agens« sollte die sudetendeutsche Bevölkerung sein.
Diese scheinbar friedliche Methode kam dem »Appeasement«- (d. h. Beschwichtigungs) Kurs der Westmächte entgegen. Der britische Premier Neville Chamberlain wollte den Deutschen anbieten: »Gebt uns eine befriedigende Zusicherung, daß ihr im Umgang mit Österreich und der Tschechoslowakei nicht Gewalt anwenden wollt, und wir werden Euch eine ähnliche Zusicherung geben, daß wir nicht Gewalt anwenden, um die Änderungen zu verhüten«. Den notwendigen Druck für die Verhandlungen mit dem Westen zu erzeugen, war die Aufgabe der sudeten-deutschen Organisationen. Das SS-nahe "Hauptamt Volksdeutsche Mittelstelle" (VOMI) übernahm die Koordination. Es wurden Gerüchte in Umlauf gebracht, wonach der Einmarsch deutscher Truppen in die CSR kurz bevorstünde und der "Turnverband" bewaffnet würde. Im Mai 1938 wurden deutsche Truppen in Richtung CSR verschoben, woraufhin die CSR ihre Armee mobilisierte.
Ziel der deutschen Maßnahmen war, die sudetendeutsche Bevölkerung zu aktivieren. In einer Weisung Hitlers vom 20. Mai 1938 wurden die weiteren Pläne fixiert: »Den politischen und militärisch geeigneten Zeitpunkt abzuwarten und herbeizuführen ist Sache der politischen Führung. Eine unabwendbare Entwicklung der Zustände innerhalb der Tschechoslowakei, (...) die eine überraschende, vielleicht nie wiederkehrende Gelegenheit schaffen, können mich zu frühzeitigem Handeln veranlassen.« Henlein wurde von Hitler angewiesen, Scheinverhandlungen über eine Autonomie der Sudetendeutschen zu führen: »Wir müssen immer soviel fordern, daß wir nicht zufriedengestellt werden können«. Henlein hatte nun die Aufgabe zu bewältigen, Forderungen aufzustellen, die nicht zu radikal erscheinen durften, damit die CSR Verhandlungen nicht von vornherein ablehnen würde, und die Sudetendeutschen in den Augen der Westmächte nicht diskreditierten. Sie sollten aber genügend Interpretationsfähig sein, um, wenn die Regierung der CSR drohte, auf die Forderungen einzugehen, weiter gefasst zu werden.
Ziel war, die Spannungen in den sudetendeutschen Gebieten in Zusammenarbeit mit den zuständigen Stellen des NS-Staates aufrecht zu erhalten und so zu steigern, dass allein der Anschluss dieser Gebiete an Deutschland Befriedung versprach. Mit dem 8-Punkte Programm vom 24. April 1938 gelang dieser Schachzug. »Die acht Punkte waren als Autonomie getarnt, hätten aber bei ihrer Verwirklichung praktisch einer Vereinigung mit Deutschland entsprochen«, so der Historiker Ronald M. Smelser. Während sich die Verhandlungen hinzogen, erhöhte sich der Druck auf die CSR sowohl aus der sudetendeutschen Bevölkerung, die permanent Zwischenfälle provozierte, als auch durch die englischen Regierung. Am 7. September 1938 war die Regierung der CSR zur faktischen Annahme der 8-Punkte genötigt.
Inzwischen hatten die Unruhen in Teilen der sudetendeutschen Gebieten unter Anleitung der SdP und mit Unterstützung des NS-Staates bürgerkriegsähnliche Formen angenommen, gegen die die Regierung der CSR das Standrecht ausrief. Dies nahm die SdP am 14. September zum Vorwand, die Verhandlungen abzubrechen. Gestärkt durch Reden der Naziführung forderte Henlein am 15. September: »Wir wollen heim ins Reich« Auf eine Einladung Hitlers waren bereits am 28. März 1938 Henlein und sein Stellvertreter Karl Hermann Frank mit dem "Reichskanzler" zu einer Besprechung zusammen. Als gemeinsame Ziele wurde vereinbart, von der Tschechoslowakei die Autonomie der Sudetengebiete sowie Wiedergutmachungen für wirtschaftliche Verluste zu fordern.
Als jedoch die Maßnahmen der CSR-Regierung griffen und die Lage sich beruhigte, während Hitler drohte, das Reich werde auch das Risiko eines Weltkrieges nicht mehr scheuen, entstand eine Diskrepanz zwischen den abflauenden Unruhen in der CSR und dem sich verschärfenden Kurs des NS-Staates. Hier griff man auf eine schon vorbereitete Strategie zurück. Bereits im Juni 1938 war auf deutscher Seite der Grenze eine Befehlszentrale eingerichtet worden, von der aus Henlein im Bedarfsfall die Aktionen der Sudetendeutschen befehligen konnte. Am 17. September 1938 erteilte Hitler den Befehl zur Aufstellung eines "Sudetendeutsches Freikorps" (SFK), das aus in den NS-Staat geflüchteten Sudetendeutschen unter dem Befehl Henleins gebildet werden sollte. Frank wurde unter Henlein stellvertretender Kommandant des Freikorps. Anton Pfrogner wurde zum SFK-Stabschef ernannt. Das Generalkommando wurde im Schloss Fantaisie bei Bayreuth angesiedelt. Der Einsatzbefehl lautete: »Dauerndes Beunruhigen längs der gesamten Front. Durchführung von kleinen Unternehmungen gegen tschechische Postierungen, Wachhäusern usw. Auftreten in Form von Terrorgruppen. Aufrechterhaltung weiterer Unruhen und Zusammenstöße«. Die Leitung des SFK durch Henlein und die Ausrüstung mit österreichischen Waffen sollte verschleiern, dass diese Truppe (ca. 10.000 bis 15.000 Mann, andere Quellen benennen 40.000 "Freischärler") von deutschen Gebiet mit deutscher Unterstützung operierte. In 164 Aktionen des SFK kamen 110 Tschechen ums Leben, 2029 weitere wurden gefangen genommen bzw. entführt. Andere Quellen beziffern sogar mehr als 200 SFK-Terroraktionen. Die „Freischärler“ zerstörten auch staatliche Einrichtungen in der Tschechoslowakei durch Sprengung oder Brandstiftung. Bereits jetzt übte das SFK Funktionen der SS aus, die auch die Ausschaltung von KommunistInnen und AntifaschistInnen im sudetendeutschen Gebiet umfassten. Dem sudetendeutschen Freikorps gelang es, die Unruhen aufrechtzuerhalten und die deutsche Propaganda vermochte es, diese Aktionen als sudetendeutschen Selbstschutz darzustellen. Damit konnte Hitler gegenüber den längst zu allen Konzessionen bereiten Westmächten am 29. September 1938 das Münchener Abkommen durchsetzen.
Wehrmacht und SS fielen in die CSR ein, über 1.000.000 TschechInnen wurden vertrieben, politische Flüchtlinge aus dem NS-Staat verhaftet und die jüdischen Bevölkerung ihren Mördern ausgeliefert.
Nun und nach der Zerschlagung der »Rest-Tschechei« im März 1939 besetzten die Sudetendeutschen die Führungspositionen in der ehemaligen CSR. Widerstand gegen das NS-Regime wurde mit Terror beantwortet. Die Auslöschung des tschechischen Dorfes Lidice und die Ermordung seiner männlichen Bewohner waren »nur« ein Fanal für das, was der NS bezüglich der Tschechen geplant hatten: »Wir werden die Tschechen und Böhmen nach Sibirien oder in die wolhynischen Gebiete verpflanzen, wir werden ihnen in den neuen Bundesstaaten Reservate anweisen. Die Tschechen müssen raus aus Europa«, so erläuterte Hitler seine Pläne.
Potsdamer Abkommen und Ausweisung 1945
Heute wird die Ausweisung der Sudetendeutschen bei Kriegsende als Völkerrechts-Verbrechen und ethnische Säuberung interpretiert. Diese Darstellung verschweigt, wozu sich die Minderheit bei der Zerschlagung der CSR benutzen ließ. Sie ist zudem sachlich falsch: »Wahrend der geregelten und unter Aufsicht der Siegermächte durchgeführten Aussiedlung der Sudetendeutschen wurde keineswegs nach dem Prinzip der Kollektivschuld gehandelt«, so die tschechische Widerstandskämpferin Vera Pickova. Antifaschistische Sudetendeutsche konnten bleiben, nur waren sie eine verschwindend kleine Minderheit. Die Prager Zeitung bemerkt, dass bezüglich der Sudetendeutschen nach dem 2. Weltkrieg »die Frage 'Wohin mit ihnen' offen war im Gegensatz zur Frage warum sie irgendwo weg mussten«.
Nach den Worten von Bundesaußenminister Klaus Kinkel (FDP und Mitglied der "Studentenverbindung AV Guestfalia Tübingen im CV") habe die Bundesregierung »die Vertreibung der Deutschen nach Kriegsende immer als völkerrechtswidrig verurteilt. Sie hat die Potsdamer Beschlüsse nie als eine Rechtfertigung dieser Vorgänge angesehen«
Wer das Potsdamer Abkommen in Frage stellt und gleichzeitig die Ungültigkeit des Münchener Abkommens bestreitet, droht gegenüber Tschechien mit der Wiederbelebung dessen, was 1945 beendet werden sollte: des Pangermanismus. Die USA und Großbritannien stellten sich daher demonstrativ hinter die tschechische Regierung. Eine Revision des Postdamer Abkommens werde auf ihren entschiedenen Widerstand stoßen. Eine »Großmachtsohrfeige« für die Bundesregierung, wie die Prager Zeitung kommentiert.
Doch gerade hier in Deutschland ist antifaschistischer Widerstand nötig gegen die Koalition aus "Politzombis" der Vertriebenen, völkischen Nachwuchskadern und bundesdeutschen Großmachtinteressen. Denn wohin eine solche Koalition treibt, lehrt der Blick in die Geschichte.