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Normalzustand Rassismus. Terror gegen Flüchtlinge in Niedersachsen

Einleitung

Ortstermin in Algermissen, einer 8.000-Einwohner-Gemeinde im Landkreis Hildesheim. Der Besuch fand Anfang September 2002 statt, eine Woche nach dem zehnten Jahrestag des Pogroms gegen Flüchtlinge und vietnamesische VertragsarbeitnehmerInnen in Rostock-Lichtenhagen. Das ältere Ehepaar, das wir ansprechen und nach dem Weg zum Flüchtlingsheim fragen, beäugt uns misstrauisch.

Den Weg zur Hermann-Löns-Straße, wo das Haus steht, in dem in dem niedersächsischen Dorf Algermissen zwischen Hannover und Hildesheim Flüchtlinge untergebracht sind, können uns die beiden nicht sagen – oder sie wollen es nicht. In der Dorfmitte finden wir eine Straßenkarte, am Pfahl daneben ein ordentlich geklebter DVU-Aufkleber. Wir finden die Straße; nach der Hausnummer muss man nicht fragen: Es ist das einzige Haus in der Straße, das nicht von einer Mauer oder einem Zaun umgeben ist. Auch der schlechte Zustand des Hauses weist den Weg. Am Gebäude treffen wir vier der bisher dort lebenden Flüchtlinge, die uns erzählen, was im Laufe der letzten Augusttage und Anfang September geschah:

Angriffe nach Volksfest

Am Abend des 31. August hatten vier tamilische Flüchtlinge das örtliche Volksfest besucht. Dort wurden sie von einer größeren Gruppe Jugendlicher angepöbelt. Als die Asylsuchenden das Fest daraufhin in Richtung Heim verlassen wollten, wurden sie von ca. 20 Jugendlichen aus der Gruppe verfolgt und angegriffen. Ein Flüchtling mußte mit Platzwunden im Krankenhaus behandelt werden. Die zu Hilfe gerufene Polizei kontrollierte derweil die Papiere der Flüchtlinge, nicht jedoch die der Täter. Diese griffen, nachdem die Polizei wieder weggefahren war, das Flüchtlingsheim an und warfen einige Fensterscheiben ein. Einer der Flüchtlinge wurde dabei durch einem Glassplitter am Auge  verletzt. Die wieder herbeigerufene Polizei sicherte für den Rest der Nacht das Gebäude. Das Verlangen der HeimbewohnerInnen nach einer anderen, sicheren Unterkunft wurde jedoch abgelehnt.

Am nächsten Abend, am Sonntag, den 1. September, überfielen dann ca. 60-70 mit Latten und Flaschen bewaffnete Deutsche das Wohnheim. Nach Aussagen der Flüchtlinge waren daran überwiegend junge Erwachsene, aber auch einige ältere Personen beteiligt. Unter den Angreifern, die teilweise ins Haus eindrangen und Türen zerstörten, befanden sich mehrere Personen aus Algermissen, die den Flüchtlingen vom Sehen her bekannt waren. Die Polizei brauchte fast eine Stunde, bis sie genügend Beamte vor Ort hatte, um den rassistischen Mob zu vertreiben und die Flüchtlinge zu befreien. Erst jetzt wurde ein Teil der Flüchtlinge in andere Wohnheime gebracht. Die Flüchtlinge, die wir am Haus trafen, mussten jedoch bis zum Montag der darauffolgenden Woche darauf warten, um in eine andere Unterkunft umziehen zu können.

Unpolitische Randale

Nach Bekanntwerden der Überfälle bestritt Fred Faubel, Gemeindedirektor von Algermissen, den politischen Charakter der Vorfälle. Es habe sich nur um jugendtypische Auseinandersetzungen gehandelt, Alkohol sei im Spiel gewesen etc. Doch aufgrund des großen Medieninteresses war der Vorfall so nicht zu erledigen. Zumal deshalb nicht, weil das Innenministerium Niedersachsen die zutreffende Einschätzung hatte, dass die Situation vor Ort für die Opfer weiterhin gefährlich ist, und die Verlegung der Flüchtlinge in andere Wohnheime veranlasste.

Derweil hatte sich in Algermissen ein Runder Tisch gebildet, der zunächst zwei Resolutionen herausgab – auf eine gemeinsame Erklärung hatte man sich nicht einigen können. Dabei hatten am Runden Tisch eigentlich nur jene gesessen, die sich einig sein wollten. Die Flüchtlinge selbst und VertreterInnen des niedersächsischen Flüchtlingsrates wurden explizit nicht eingeladen. Während die erste, aus den Reihen der SPD kommende Resolution betont, dass man gegen »Hass, Gewalt, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit« ist und aufruft: »Wir stehen zusammen gegen das Wegschauen und die Gleichgültigkeit«, verleugnet die zweite Resolution die Schuld der Algermissener Bürger für die Angriffe und sucht diese bei den Flüchtlingen. Dort heißt es: »Wir betonen jedoch ausdrücklich: Die Übergriffe haben nichts mit dem Volksfest zu tun, bei dem Hunderte von anständigen und rechtschaffenen Bürgerinnen und Bürgern fröhlich miteinander feiern und traditionell die Dorfgemeinschaft pflegen.«

Die Verantwortung für das Geschehen wird vor allem »Chaoten« zugeschrieben, die »von auswärts zu diesem Zweck nach Algermissen gekommen sind«. Die Beteiligung ortsansässiger Bürger wird nur am Rande erwähnt. Heuchlerisch wird betont, dass Deutsche und Ausländer von einander lernen können, jedoch nur dann »wenn sich alle Beteiligten an die Gesetze und die Gepflogenheiten beispielsweise des respektvollen Umgangs zwischen Mann und Frau halten.« Damit spielt die Resolution auf das Gerücht an, einer der Flüchtlinge habe ein deutsches Mädchen »falsch angeschaut oder angefasst«, wie es der Gemeindedirektor Faubel formuliert. Dies sei der Ausgangspunkt für die folgenden Auseinandersetzungen gewesen. Daher sieht der Gemeindedirektor auch keinen politischen Hintergrund für die Ereignisse, denn »dass man sich da aufregt, wäre bei Deutschen auch passiert«. Gehört hat man davon jedoch noch nie etwas.

Frei nach dem Motto »Schuld sind immer die anderen und die Opfer« beklagt die Resolution weiter: »18 junge Männer in einem kleinen Ort unterzubringen, führt fast zwangsläufig zu negativen Vorkommnissen, wie sie bereits in der Vergangenheit mehrfach zu verzeichnen waren«. Deshalb appelliert die Resolution »an den Landkreis Hildesheim, möglichst Unterbringungskonstellationen wie die in Algermissen zu vermeiden«. Schuld sind also die Flüchtlinge selbst und die Unterbringungspraxis des Landkreises. Die Angriffe waren also nur die fast legitime Reaktion auf diese Zustände. Allerdings nur fast, denn: »Wir haben kein Verständnis für jede Form von versuchter oder tatsächlicher Selbstjustiz. Das Gewaltmonopol liegt einzig und allein bei der Polizei.«

Auf dem Weg zum Interview mit dem Gemeindedirektor Faubel befragen wir zwei Jugendliche zur lokalen Naziszene.1 »Nein, so richtig stark seien die Glatzen in Algermissen nicht,« lautet die Antwort. Eine Einschätzung, die von den Flüchtlingen nicht ganz geteilt wird. Ihr Wohnheim wurde in den vorangegangenen Monaten schon mehrfach mit rassistischen Parolen besprüht. Die Antwort der befragten Jugendlichen ist jedoch vielleicht ein Hinweis, die Schuld für die Übergriffe nicht in den ortsansässigen Vertretern der extremen Rechten zu suchen, sondern im Normalzustand.

In der mangelnden Integration, in der Ausgrenzung, die allein schon der Zustand des Gebäudes sichtbar macht, in den geschlossenen Strukturen der Dorfgemeinschaft, die »Fremde« nicht aufnimmt. Eine Sichtweise, die Gemeindedirektor Faubel vehement bestreitet: Das Haus sei gar kein Flüchtlingsheim, sondern im dem »Schlichthaus« würden auch noch fünf »Germanen« wohnen. Germanen? Nun ja, wir wüssten schon, was er damit meint.... Zudem ist der Gemeindedirektor gegen eine Verlegung der Flüchtlinge in andere Heime, da er zum einen eine Gefährdung der Asylsuchenden nicht sieht. Und außerdem seien die aus Sri Lanka nach Deutschland geflohenen Tamilen, die jetzt seit zwei Jahren in Algermissen leben, sehr »pflegeleicht«. Der Begriff »pflegeleicht« fällt im Laufe des Gesprächs erstaunlich oft. Das scheint der wesentliche Punkt zu sein, der Faubel neben der Beruhigung der Lage interessiert.

Alltäglicher Rassismus braucht alltäglichen Widerstand

Der Blick von aktiven AntifaschistInnen ist zumeist auf die aktiven Personen aus dem Spektrum der extremen, bzw. der militanten Szene gerichtet. Ein Blick, der die Analyse der Angriffe in Algermissen mit Sicherheit eher versperrt als erhellt. Natürlich waren die Täter überwiegend männliche Jugendliche, wie das überhaupt bei Gewalttätern der Fall ist, doch es waren wohl eher die Jungs von nebenan als die organisierten und geschulten Neonazis. Und in ihren Taten drückt sich militant aus, was schon klar wird, wenn man die Hermann-Löns-Straße, an der das Wohnheim liegt, entlang fährt: Die sind nicht wie wir.


Eine derartige Ausgrenzung ist aber nicht auf Algermissen beschränkt, sie ist in den meisten Städten und Gemeinden in Ost und West zu finden. Nur durch das Verhindern einer solchen Ausgrenzung werden letztendlich Angriffe wie der in Algermissen zu stoppen sein, nur wenn der rassistische Normalzustand, der Rassismus der Gartenzwerge und ihrer Gärtner gestoppt werden kann, ist eine Veränderung möglich.

  • 1Für den 19.10.2002 lud die  Interessengemeinschaft für die Wiedervereinigung Gesamt-deutschlands e.V. zu einer Nazidemo nach Hildes-heim (nahe Algermissen).  Die neonazistische Kameradschaft Weser-Bergland rief auf ihrer Homepage für diesen Termin unverhohlen zum »Tanz« mit örtlichen Antifas und Ausländern auf.