Der Dortmunder Dennis Giemsch filmt Gegendemonstranten während einer Neonazi-Demonstration
Antifa | AIB 70 / 1.2006 | 06.03.2006

Antifa cyberwar

»in den morgenstunden des 01. oktober 2005 zogen dunkle wolken auf. mit flammenden tastaturen, blitzenden monitoren, rasenden radiowellen, geschick und raffinesse trat zog binary battle unit 01.01. zog in erscheinung und schaltete den freien widerstand ab.«

Mit dieser Nachricht begann für viele Antifas am 1. Oktober 2005 ein langer Tag am heimischen Rechner. Eine ganze Palette an Daten musste gesichtet und ausgewertet werden. Antifaschistische HackerInnen hatten das Neonazi-Forum des »Freien Widerstands« (FW) zerstört und alle Daten inklusive tausender persönlicher Nachrichten zum Download für jedermann bereit gestellt.

Hinter dem Internet-Forum-Projekt sollen demnach vorrangig drei Administratoren gestanden haben: Der Dortmunder Dennis Giemsch, der Duisburger Steffen Pohl und der Ettlingener Manuel Bayerl. Unter den Nicknames »Freiheit«, »/xxx/« und »riot« machten sie FW zum wohl relevantesten Onlineportal innerhalb der dynamischen und aktiven »freien« neonazistischen Subkultur. Gewiss vor dem Hintergrund, dass man sich hier im oft schon familiären Umgang miteinander sehr sicher wähnte. Axel Reitz beschrieb das so: »da ich bestens mit dem administrator und den moderatoren dieses forums bekannt und vertraut bin kann ich dir versichern dass dieses nachrichtensystem so sicher wie fort knox ist, um mal als beispiel eine heilige kuh des kapitalistischen systems der goldwährung und der damit verbundenen zinsknechtschaft zu nennen.«

Viele Trends in der schnelllebigen Neonazi-Subkultur fanden ihre theoretische oder zumindest diskutierte Grundlage in den Foren des Freien Widerstands. So übten die Debatten um »autonomen Nationalismus«, um die Verwendung linker und antifaschistischer Symbolik und Protestformen genauso wie der Streit um »neue« musikalische Trends für die Szene wie Hatecore, NSBM, HipHop eine gewichtige Wechselwirkung auf die Innen- und Außenwahrnehmung der Szene aus.

Nirgendwo anders als online im »Freien Widerstand« wurde das manifestiert, was auf den Straßen vielerorts mittlerweile zur Realität gehört. »Es geht nicht darum, wer oder was du bist. Hauptsache ist, du bist NS. Hauptsache du denkst und handelst im national sozialistischem Gedanken.«

Der Hack eines der wichtigsten Internetportale der deutschen Neonaziszene, war jedoch nur eine Zwischenetappe. Immer wieder kam es in den letzten Jahren zu Hacks von Neonaziseiten. Jedoch dürfte das vergangene Jahr das bis dato erfolgreichste für die »virtuelle Antifa« gewesen sein. Es ist gelungen, eine Vielzahl neonazistischer Homepages und Diskussionsforen teilweise vollständig, teilweise temporär lahmzulegen und dabei eine Unmenge an Daten zu hijacken, also zu erbeuten und zu veröffentlichen, die einen interessanten Einblick hinter die Kulissen der virtuellen Neonaziszene geben und diese in einem großen Maße verunsicherten.

Schon im Zusammenhang mit dem Hack und der zeitweisen Abschaltung des Heimatschutznetzwerkes Sachsen wurde die Brisanz des Internets für eine funktionierende Infrastruktur der Neonazis deutlich. Aufgedeckt wurde nicht nur, dass offenbar ein Rechner des Heimatschutznetzes bei einem Mitglied des Landtages vor Strafverfolgung sicher lagert, auch dass der NPD-Abgeordnete Uwe Leichsenring nach wie vor beste Kontakte zu der militanten sächsischen Naziszene pflegt.

8. Mai Aktionswoche

Im Zusammenhang mit dem 8. Mai – dem Tag der Befreiung – riefen HackerInnen zu einer Aktionswoche unter dem Motto »nazis aus dem äther kicken ab dem tag der befreiung von der faschistischen gewaltherrschaft soll auch das internet von nazilügen und brauner propaganda befreit werden« auf. In den sieben Tagen wurden drei Neonazi-Homepages gehackt. Die Werbeseite für das »Fest der Völker« in Jena wurde verändert und erklärt: »Fest der Völker fällt aus! Wir, der Nationale Widerstand Jena, erklären uns hiermit für aufgelöst.« Zudem wurde eine Liste von über 2.600 E-Mail-Adressen veröffentlicht und somit der großflächige Versuch das Fest der Völker zu bewerben dokumentiert. In der selben Woche wurde auch das Portal des Aktionsbüros Saar geschlossen sowie die Daten des sächsischen Endzeit-Versandes veröffentlicht.

Insgesamt »erwischte« es dann eine ganze Reihe weiterer Neonazi-Online-Versände, deren Kundendatenbanken öffentlich gemacht wurden. Darunter der West-Versand, Front Records, Asgard-Versand und Free-Your-Mind-Productions. Das führte nicht nur zu einer großen Verunsicherung innerhalb der Szene, konnte doch kein Besteller sich mehr sicher fühlen, seine Adressdaten nicht demnächst online lesen zu können, es kam auch zu quasi »Verräter-Vorwürfen« gegenüber den Versänden, welche mit unsicherer Software arbeiten. Mittlerweile gingen die meisten Versände angeblich dazu über, Kundendaten nicht mehr online auf ihrem Server zu speichern. Nichtsdestotrotz waren den Aktivisten teilweise ganze Datenbanken in die Hände gefallen, die Rückschlüsse auf die Besteller, das Bestellte und anderes, insbesondere den relativen Umsatz der Versände, erlaubten. Damit wurden nicht nur virtuelle Neonaziläden massiv gestört, auch real dürften entsprechende finanzielle Einbußen eingetreten sein.

Quatschbude & Seifenoper

Noch mehr Einblicke in die virtuelle Lebenswelt der Neonazis erlaubten die veröffentlichten Beiträge und persönlichen Nachrichten diverser Gesprächsforen: Hier ließ sich der zumeist männliche Neonazi, geschützt durch vermeintliche Anonymität und blindes Vertrauen in die Administratoren der Seiten, gehen. Er plauderte frei von der Leber weg: Oftmals mit Seifenoper-Charakter erfuhr man Lebensgewohnheiten, Hobbys und konnte ebenso Informationen zum Innenleben der Szene gewinnen wie Informationen zur Struktur, Veranstaltungen, Arbeitsweise und Organisationsform. Wieder war es eine ganze Reihe rechter »Plauderkammern«, die sich der Öffentlichkeit präsentierten: Das Völkermord-, Nationale- und Nord-Forum und der Freie Widerstand, um nur einige zu nennen.

Gerade hier wurde aber deutlich, dass die hohen Userzahlen von teilweise über 1.000 nicht eindeutige Rückschlüsse über die tatsächlichen Useraktivitäten erlauben. Eine Vielzahl der User sind inaktiv und nur ein kleiner Anteil ist wirklich schreibfreudig. Neben diesen Foren gerieten auch weitere Homepages in das Visier der virtuellen Antifa.

Bei einer so im Laufe der Hacks zusammengekommenen Menge von mehreren tausend persönlichen Nachrichten, Daten von Bestellern jeder Art, personenbezogenen Daten usw. verwundert es nicht, dass noch keine konkreten Auswertungen und Analysen vorliegen. Diese werden ohne Zweifel auch noch auf sich warten lasen. Daher hat dieser Text dem auch bewusst nicht vorgegriffen. Dieser Anspruch ist nicht umzusetzen.

Nichtdestotrotz erfolgten schon eine Reihe antifaschistischer Aktivitäten, die auf eine direkte Verwertung der erbeuteten Daten zurückgingen. Es wurden Neonazikonzerte verhindert, Neonazis in ihren Wohnregionen geoutet, Infos zu geplanten Aktionen verwendet, sprich diese damit vereitelt und vieles mehr. Erfrischend wirkte an den Hacks auch die offensichtliche Unverkrampftheit, mit der die HackerInnen ans Werk gingen. Davon zeugen nicht nur die vielen »Selbstbezichtigungen«, die oft auf Indymedia zu lesen waren, sondern genauso die vielen Kommentare, die auf den von den Online-AktivistInnen neugestalteten Seiten und den Gesichtern der linken LeserInnen mehr als einmal ein Schmunzeln hinterließen. Hier wurde deutlich, der Kampf gegen Neonazis und die gesellschaftlichen Zustände ist real wie virtuell trotz seines Ernstes mit einer Prise Humor leichter und vor allem mit Spaß zu ertragen.