Antifa | AIB 123 / 2.2019 | 09.10.2019

Antifaschismus als Familientradition!?

Ein Projekt der Berliner VVN-BdA vernetzt und aktiviert Nachkommen antifaschistischer Widerstandskämpfer/-innen und Verfolgter des Naziregimes.

Mathias Wörsching

Über die ganz persönlichen Gründe des eigenen politischen Engagements wird in antifaschistischen Kreisen nur selten gesprochen. Manche dieser Gründe liegen tief in der Kindheit. Bestimmte Gute-­Nacht-­Geschichten, Gespräche am Esstisch, Kinderbücher und Hörspiele, Trick- und Märchenfilme können in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen.

Eine besondere Situation liegt bei Menschen vor, deren Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern Widerstand gegen den Nazismus leisteten, verfolgt oder ins Exil getrieben wurden und bei denen entsprechende Geschichten in die familiäre Überlieferung eingingen. Nicht selten wird dieses Erbe zum wertvollen, antreibenden Teil der eigenen Identität als aktive/-r Antifaschist/-in in zweiter, dritter oder vierter Generation. Doch regelmäßig werden auch tiefe Traumata und Ängste über die Generationen weitergegeben. Das familiäre Erbe erweist sich als Potenzial und Belastung zugleich.

Heutzutage verstummen die Überlebenden von Widerstand und Verfolgung nach und nach. Sprechfähig aus der Gruppe der Überlebenden selbst ist fast nur noch eine stetig schrumpfende Zahl von „child survivors“. Gleichzeitig erstarken autoritäre, nationalistische, rassistische und antisemitische Tendenzen in Europa immer weiter.
Seit vielen Jahren schon treten Nachkommen mit Publikationen, in Dokumentarfilmen, Lesungen und Ausstellungen an die Öffentlichkeit, verlegen Stolpersteine, enthüllen Gedenktafeln. Sie sind gefragte Gesprächspartner an Schulen und in der politischen Bildung. Damit bereichern sie die in Jahrzehnten gewachsene antifaschistische Erinnerungskultur und verteidigen sie zugleich gegen geschichtsrevisionistische Angriffe. Mit ihrer familiären Herkunft und Tradition bezeugen sie Widerstand, Exil und Verfolgung und halten die Erinnerung daran wach. Damit gelingt es, auch emotional eine Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu bauen.

Das antifaschistische, insbesondere historisch-politische Engagement von Nachkommen zu fördern, war das Ziel eines 2018 unter dem Dach der "Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten" (Berliner VVN-BdA) durchgeführten Projektes.1 Insgesamt etwa 100 Nachkommen beteiligten sich. Drei Werkstattgespräche boten Raum für gegenseitige Anregung, Weiterbildung und Unterstützung, boten auch Raum für den Austausch über transgenerationale seelisch-soziale Belastungen und Probleme. Eine Internetseite und eine Broschüre sind entstanden, um die vielfältigen Geschichten, Anliegen und Angebote einer Reihe von Nachkommen zu präsentieren.

Das im Rahmen des Projektes 2018 begonnene Netzwerk aktiver Nachkommen soll 2019 weiter auf- und ausgebaut werden. Angedacht ist zum Beispiel eine lockere Reihe von Gesprächsrunden zu speziellen Themen. Hierbei sollen auch Angehörige der dritten und vierten Generation gezielt angesprochen werden – nicht wenige von ihnen sind in unterschiedlichen antifaschistischen Projekten und Initiativen aktiv. Darüber hinaus gilt es, die Angebote der Nachkommen in der historisch-politischen Bildungslandschaft bekannter zu machen und Begegnungen zwischen ihnen und einem interessierten Publikum zu ermöglichen.

Berliner Antifaschist/-innen, die sich von dieser Arbeit von und für Nachkommen angesprochen fühlen und sie unterstützen wollen, sind herzlich eingeladen, Kontakt aufzunehmen.

Aufruf an die Nachkommen der "Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes − Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V.":

Unsere Vorfahren leisteten Widerstand gegen den Naziterror in Deutschland oder retteten sich ins Exil, kämpften für Spaniens Freiheit und in den Armeen der Antihitlerkoalition, überlebten und starben in Ghettos, Konzentrations-, Vernichtungs- und Zwangsarbeitslagern und Zuchthäusern, Gefängnissen und in der Zwangsarbeit oder wurden Opfer des stalinistischen Terrors. Die Zeit unserer Eltern, Großeltern und Urgroßeltern, an die Verbrechen des Naziregimes und den Widerstand gegen ihn zu erinnern, geht zu Ende. Doch ihre Aufgabe ist nicht beendet. Im Gegenteil: Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz, nie wieder Faschismus – all dies steht heute in Frage, angesichts der Erfolge von rechtsnationalistischen Parteien in Deutschland und Europa.

Es ist Zeit für uns zu handeln. Das Leid wie auch der Kampf unserer Eltern, Großeltern und Urgroßeltern haben unser Leben geprägt, sind tief in uns verwurzelt. Die persönliche Begegnung bleibt auch in Zeiten neuer Medien ein wichtiges Element des Erinnerns und Gedenkens. Wir Nachkommen können eindrucksvolle Momente schaffen durch die Weitergabe eigener Erfahrungen in Gedenkveranstaltungen, in Schulen und Bildungsstätten. Dies ist unsere besondere Aufgabe. Mögen unsere Lebens- und Familiengeschichten die Menschen von heute anregen zu einer widerständigen Haltung gegen Rassismus, Antisemitismus und Geschichtsrevision, gegen Ignoranz, Menschenverachtung und Kriegstreiberei. Als Nachkommen der NS-Verfolgten, des Widerstands und des Exils wollen wir uns gemeinsam einsetzen für eine Welt des Friedens, der Freiheit und der Solidarität.

Hans Coppi (geboren 1942), Historiker und Ehrenvorsitzender der Berliner VVN-BdA:

In den frühen Nachkriegsjahren erinnerten gemeinsame Gedenkveranstaltungen an die Opfer des Faschismus, kurze Zeit getragen von Überparteilichkeit, Überkonfessionalität und gleichberechtigtem Nebeneinander verschiedener Weltanschauungen […] Im bald nach 1945 beginnenden Kalten Krieg wurden die Gemeinsamkeiten der unterschiedlichen Widerstandsgruppen zunehmend von dem politischen Gegensatz der […] Systeme in Ost und West überlagert. Aus solidarisch verbundenen Mitstreitern wurden in einigen Fällen über lange Jahre politische Gegner. Heute erfahren wir bei den Angehörigentreffen […] wieder mehr über die Vielfalt des deutschen Widerstands. Wir betonen nicht mehr so sehr das Trennende, sondern entdecken in den Familiengeschichten viel Verbindendes wieder.“

Karoline Georg (geboren 1980) Politologin und Mitarbeiterin der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand:

Es muss etwa 1989 gewesen sein, als mir meine Mutter sagte, dass auch mein Großvater Karl Raddatz Widerstandskämpfer gewesen ist. Ich habe ihn nie kennengelernt, er ist zehn Jahre vor meiner Geburt gestorben. […] Heute denke ich häufig darüber nach, was mein Großvater zu den aktuellen politischen Entwicklungen sagen würde […] Ein wichtiger persönlicher Schritt war für mich der Eintritt in die VVN im vergangenen Jahr, deren erster Generalsekretär Karl Raddatz 1947 war. […] Für die VVN ist Antifaschismus ein Zukunftsentwurf. Sie steht somit am Schnittpunkt zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Auch die Geschichte meiner Familie steht dafür. Karl Raddatz war überzeugter Kommunist und Antifaschist. Dass er mein Großvater war, hat mich tief geprägt. Ich habe großen Respekt vor seinem Mut, Widerstand zu leisten und sich für seine Überzeugungen einzusetzen. Er hat sein eigenes Leben dafür riskiert. Auch ich bin überzeugte Antifaschistin und versuche täglich dafür einzustehen.“

Kontakt und Informationen: nachkommen-netzwerk-berlin.de

(Dank geht an Hans Coppi für seine Mitarbeit an diesem Artikel)

  • 1. Das Projekt wurde gefördert und unterstützt von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa, der Evangelischen Hilfsstelle für ehemals Rasseverfolgte und der Gedenkstätte Deutscher Widerstand